Überspringen zu Hauptinhalt
Loblied Der Mauer, Zweite Strophe

Unlängst sang ich hier mein Loblied der Mauer als Eingrenzung des Eigenen und notwendige Voraussetzung für die Persönlichkeitsbildung, als Schutz und Hege des Menschlichen. Doch eine Mauer ist nicht nur Grenze, sie ist auch Lebensraum. Je älter sie ist, desto mehr wird sie von Pflanzen und Tieren als Rückzugsraum, als Brutstätte oder auch als Jagdrevier entdeckt. Doch selbst eine frisch aufgeschichtete Trockenmauer wird binnen weniger Wochen zum Biotop.

Blühende Mauern

In den Fugen lassen sich bald weißer und gelber Mauerpfeffer nieder, auch der Steinbrech, das Zimbelkraut, der Hauswurz sowie der seltene braunstielige Streifenfarn lassen sich nicht lange bitten. Alles was blüht, zieht wiederum Schmetterlinge an und zahlreiche Insekten. In den oberen Etagen und auf der Krone schlagen, sofern die Mauer mächtig genug ist, gar Sträucher und Bäume Wurzel. An Efeu und anderen rankenden Pflanzen fehlt es ohnehin nicht. Wo Pflanzen sind, kommen bald auch die Tiere hinzu.

 

Mauern leben

Jede noch so enge Fuge ist besiedelt: Spinnen finden hier ein Jagdrevier, Wespen und allerlei andere Insekten, Erd- und Wechselkröten, kleine Schlangen und Eidechsen fühlen sich hier zu Hause. Auch Mäuse sind dankbar für einen Unterschlupf. Ist die Mauer etwas höher und sind in ihr hinreichend große Lücken für den Nestbau, finden sich dort auch Vögel, die hier ihren Nachwuchs ausbrüten. Umgrenzt die Mauer ein altes Festungswerk, locken Ein- und Durchlässe in Hohlräume auch Fledermäuse an.

 

Die Mauer als Organismus

Doch selbst die Oberfläche ist belebt: Flechte und Moose finden ihr Auskommen auf noch so kargem Grund. So wird die Mauer im Ganzen zu einer Art Gesamtorganismus, der in sich wiederum mehrere Mikroklimate beherbergt: da gibt es die feuchten, dunklen Ritzen und Hohlräume in Nachbarschaft zu den sonnendurchglühten Flächen und Zonen, über die der Wind fegt. Und es gibt die Bereiche, über die sich bei einem Wolkenbruch wahre Sturzbäche ergießen, und solche, wo sich das Wasser für eine Weile sammelt. So wird jede Mauer, jeder Steinhaufen, zu einem kleinen Universum, Wachstum und Verfall in engster Nähe.

Foto: Lutz Meyer

Lutz Meyer

Lutz Meyer ist Texter und Autor. Schwerpunktthemen sind Gesundheit, Bauen und Philosophie.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.