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Die Wikinger gelten als die eigentlichen Entdecker Nordamerikas (von den Indianern abgesehen). Doch wie fanden sich die Wikinger eigentlich im Nordatlantik zurecht? Bei Sonnenschein und klarem Sternenhimmel kein Problem. Aber bei bedecktem Himmel? Einen brauchbaren Kompass kannten sie noch nicht. Als Navigationshilfe soll, so die Theorie, ein sogenannter Sonnenstein gedient haben.

Hinter diesem poetisch klingenden Namen verbirgt sich der Doppelspat oder Islandcalcit – ein Calcitkristall mit doppelter Lichtbrechung. Legt man ihn auf bedrucktes Papier, erscheinen alle Buchstaben doppelt. Wer mag, erhält so einen Rauschsimulator für kleines Geld. Hält man den Stein aber – um ihn seiner vermuteten Bestimmung als Navigationshilfe zuzuführen – in die Richtung, in der man bei bedecktem Himmel oder selbst kurz nach Sonnenuntergang die Sonne vermutet, kommt es zum Phänomen des doppelten Lichtstrahls. Sind beiden Strahlen gleich stark, steht die hinter Wolken verborgene Sonne genau am angepeilten Punkt. Damit ergab sich eine immerhin grobe Orientierung – so die Theorie.

Was würde ein Wikinger jetzt tun?

Das wollte ich aufgrund meiner engen Verbundenheit mit maritimen Themen gern selbst ausprobieren und erstand auf einer Handelsplattform im Netz einen ansehnlichen Doppelspat. Ein wirklich schöner Stein, von der Natur als Rhomboeder geschaffen mit faszinierenden Kristallstrukturen in seinem Innern. Mein Experimentiereifer war immens und gleich der nächste bewölkte Vormittag fand mich draußen, den Stein auf den vermuteten Sonnenstand  ausrichtend, zunächst – wie von führenden Wikingern auf Youtube empfohlen – zum Horizont, dann, da nichts passierte, mit der Hand immer höher wandernd. Was sah ich? Nicht einmal einen einfachen Lichtstrahl, geschweige denn zwei. Ich drehte den Stein in der Hand hin und her, kreuz und quer, vor und zurück. Hinsichtlich des wahren Sonnenstandes war ich mir dabei absolut sicher – Irrtum also ausgeschlossen. Doch der Sonnenstein dachte gar nicht daran, seinem Namen gerecht zu werden. Musste er vielleicht zunächst kalibriert werden? Ich wartete die nächste sonnige Stunde ab und brachte den Stein erneut in Position – horizontal, vertikal, scheißegal. Keine zwei gleich starken Lichtstrahlen, dafür aber Regenbogeneffekte von selten gesehener Schönheit. Doch was nützt einem die Faszination eines flüchtigen Regenbogens, wenn man in den Weiten des Ozeans nach Orientierung sucht? Als orientierungsloser Wikinger in der Wasserwüste wäre ich jetzt verloren. Wahrscheinlich litt der Stein unter einer seltenen Anomalie – eine launenhafte Fehlproduktion der Natur, ein Montagscalcit sozusagen. Ich beschaffte mir einen weiteren Doppelspat. Doch auch der blieb stumm.

Nun wurde ich langsam sauer. Sollte sich der Sonnenstein als nichts weiter erweisen als ein plumper Werbetrick der Doppelspathändlerbranche? Die nächste Stufe des Experiments sollte die grundsätzliche Brauchbarkeit des Steins erweisen. Wenn schon die Sonne nicht funktionierte, sollte es nun der makellose Hightechstrahl eines Laserpointers bringen. Ich verdunkelte den Raum, brachte den Pointer in Stellung – und siehe da, es funktionierte: Aus einem eintretenden grünen Strahl zur Linken wurden zwei austretende grüne Strahlen zur Rechten, sauber auf ein Stück Papier projiziert. Bei beiden Steinen. Perfekt. Die Wikinger hätten jetzt also genau gewusst, wo der Laserpointer war. Ich merkte mir den Winkel, in dem der Strahl auf die Kristalle traf, und begab mich mit den Steinen wieder nach draußen. Nichts.

Ein Stein mit Anspruch

Die jähe Erkenntnis: So eine Nordmännernavigationshilfe kann ja gar nicht an Land funktionieren – das ist unter ihrer Würde. Dafür bestimmt, auf hoher See kühnen Seefahrern den Weg in ferne Länder zu weisen, die man plündern kann, verweigert so ein Sonnenstein seine Dienste in der Münsterländer Acker- und Wiesenlandschaft, in der es nicht einmal einen vernünftigen Horizont gibt. Klar, würde ich nicht anders halten an seiner Stelle. Damit muss man an die See. Glücklicherweise ist der nächste Urlaub an der dänischen Nordsee in Sichtweite. Die beiden Sonnensteine werden dort eine zweite Chance bekommen. Falls es aber wieder nicht klappt, werde ich sie in einem handelsüblichen Kalkentferner baden. Schon eine leichte Säure soll jeden Calcit im Handumdrehen auflösen. So die Theorie.

Ich werde berichten.

Foto: Lutz Meyer

Lutz Meyer

Lutz Meyer ist Texter und Autor. Schwerpunktthemen sind Gesundheit, Bauen und Philosophie.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Echt? Das funktioniert bei dir? Bei mir kamen nur wirre Lichtreflexe zum Vorschein. Das hätte mich, wenn ich ohne Orientierung auf dem Nordatlantik unterwegs gewesen wäre, an den Rand des Wahnsinns gebracht.

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