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Auf Römö kann man kilometerweit am Strand wandern, ohne auf einen einzigen Stein zu stoßen. Stürzt man sich zwischendurch zur Erfrischung in die Fluten, muss man keine Sorge haben, über submarines Geröll zu stolpern. Überhaupt sind Nordseestrände meist deutlich steinärmer als Ostseestrände. Natürlich gibt es Ausnahmen wie den etwas weiter nördlich gelegenen Strand von Henne oder auch die Helgoländer Düne. Doch wie jede Ausnahme bestätigen auch sie nur die Regel: Ostseestrände sind deutlich steinreicher. Warum eigentlich gibt es an der Nordseeküste so wenig Steine am Strand?

Schließlich liegen beide Strände – zumindest in Dänemark und im Norden Schleswig-Holsteins – nur ein paar Dutzend Kilometer auseinander. Um der Sache näher zu kommen, muss man die Frage anders stellen: Warum gibt es an den meisten Ostseestränden so viele Steine?

Heimisches und Angelandetes

Einige der der an den Stränden der Ostsee herumliegenden Steine kommen auch von dort wie beispielsweise Feuersteine oder Kalksteine – es handelt sich um ausgewaschene Bruchstücke anstehenden Gesteins, das durch Witterungseinflüsse im Laufe der Jahrmillionen auf eine meist handliche Größe gebracht wurde.  Andere Steine aber wurden von den Gletschern der Eiszeiten erst dorthin getragen, wo heute die Ostsee liegt. Sie stammen meist aus den längst erloschenen Vulkanen Skandinaviens. Der Steinreichtum der Ostsee findet so seine Erklärung.

Sie sind da – man sieht sie nur nicht

Aber haben die Gletscher nicht auch die Nordseeküste erreicht? Tatsächlich ist es so, dass die Geschiebemassen, die barfüßigen Strandgängern und Badenden das Leben an der Ostsee oft so beschwerlich gestalten, hier an der Nordseeküste ebenfalls vorhanden sind. Allerdings ruhen sie tiefer im Untergrund unter dicken Schichten aus Sanden und anderen Ablagerungen. Auf Römö lagern die eiszeitlichen steinigen Mitbringsel etwa 50 bis 60 Meter unter der Erdoberfläche. Darunter dann finden sich erst die Schichten des anstehenden Gesteins aus der Kreidezeit.

Keine Chance gegen Ebbe und Flut

Vielleicht kommt noch ein weiterer Faktor hinzu: Die an der Nordsee deutlich stärker ausgeprägten Gezeiten transportieren unentwegt gewaltige Mengen feinst gemahlenen Gesteinsmehls – genannt Sand – an die Küsten. Schon möglich, dass alles ab und an angespülte Steinige darunter versinkt. Und so mancher Stein, der es bei Flut durch eine Welle dennoch bis an den Strand schafft, könnte bei abfließendem Wasser wieder mit hinausgenommen werden. Das dynamische Prinzip des Wassers löst jede Neigung zum Festwerden und zum Bleiben schnell auf.

Und die Großsteingräber?

Allerdings gibt es wie eingangs angedeutet Ausnahmen von der Regel. Auch an der Nordseeküste – etwa auf der Römö benachbarten Insel Sylt – gibt es jungsteinzeitliche Großsteingräber. Muss es dann nicht auch Findlinge dort gegeben haben? Hier könnte man einwenden, dass neben den Gletschern auch der Mensch schon immer große Dinge bewegen konnte – durch Muskelkraft und Erfindungsreichtum. Einige der Steine von Stonehenge lassen sich beispielsweise bis nach Wales zurückverfolgen – sie wurden zweifelsfrei von Menschen dorthin gebracht. Diese Annahme darf man vielleicht auch für die Großsteingräber an der Nordsee gelten lassen. Immerhin ist die Ostseeküste, an der es unzählige dieser Anlagen gab und noch heute gibt und an der sich auch viele tonnenschwere Findlinge finden, nicht weit. Drei, vier Monate harter Arbeit – und ein Findling lässt sich auf Baumstämme von der Ost- an die Nordsee rollen. Aber genug der steinigen Spekulation. Die Sonne scheint, ein frischer Wind weht, die Brandung lädt zum Baden ein. Uns zieht es wieder an den Strand.

 

Foto: Lutz Meyer

Lutz Meyer ist Texter und Autor. Schwerpunktthemen sind Gesundheit, Bauen und Philosophie.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. DAS dachte ich auch mal. Stimmt aber nicht. Ich bin mal auf genau dieser Insel äußerst schmerzhaft über einen Stein im Wasser gestolpert – Zeh gebrochen. Vielleicht hatte den ja jemand da hingelegt?

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