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Zuversicht

Zuversicht zu haben, zuversichtlich zu sein ist gut. Oder? Was einen Menschen in schwieriger Lebenslage davor schützt, in Niedergeschlagenheit zu verfallen, ist als „Politik der Zuversicht“ gefährlich. Der englische Philosoph Michael Oakeshott (1901 bis 1990) hatte mit seiner Unterscheidung von Zuversicht und Skepsis zwei grundlegende Prinzipien neuzeitlicher Politik identifiziert. Michael Henkel wendet Oakeschotts Erkenntnis in seinem bei Antaios erschienenen Essay „Totalitäre Transformation“ auf die Gegenwart an.

Ein sehr zuversichtlicher Kanzler

In der Politik hat Zuversicht immer wieder mal Hochkonjunktur – insbesondere dann, wenn die Lage aufgrund desaströs schlechter Regierungsarbeit hoffnungslos zu werden droht. In diesem Sinne äußerte sich Friedrich Merz auf dem NRW-Landesparteitag seiner CDU in angemaßtem Kommandoton bekanntlich so: „Kulturpessimisten, Untergangspropheten, Nöler, Nörgler und Berufskritiker: Wegtreten! Wir gehen mit Zuversicht die nächsten Schritte!“ Der Bezug auf die Zuversicht ist kein Zufall, sondern verweist auf ein politisches Programm.

Die Politik der Zuversicht nach Oakeshott/Henkel zeichnet sich dadurch aus, dass sie stets ein großes, hehres Menschheitsziel für sich reklamiert. Die Bandbreite dieser Ziele reicht in Deutschland derzeit von der Verteidigung westlicher Werte über Klimaschutz, Energiewende, digitale Transformation und Diversität bis hin zu einer fortgesetzten Politik der Massenmigration bei gleichzeitiger Aufgabe jeder nationalen Identität. Diesen Zielen lässt sich leicht ein humanistisches Gewand überwerfen. Jeder, der Kritik an diesen Zielen übt, erweist sich damit als inhuman.

Der totalitäre Charakter der Zuversicht

Die Zuversicht geht ausnahmslos mit einer quasi-religiösen Wahrheitsgewissheit einher. Zweifel, sofern überhaupt vorhanden, werden im Keim erstickt. Mit Gegnern argumentiert man nicht, man verspottet, verhöhnt, dämonisiert und verteufelt sie zu guter Letzt. Wer aber mit dem Teufel im Bunde steht, landet final auf dem Scheiterhaufen. Auch wenn dessen Flammen wie derzeit nur eine angebliche „Desinformation“ (sprich: eine kritische Betrachtung der Regierungspolitik) im digitalen Raum vernichten sollen, bleibt es doch ein Scheiterhaufen. Auch gedruckte Werke, die der Zuversicht nicht folgen mögen, werden früher oder später aus den Bibliotheken verbannt und verbrannt werden. Und dann werden, wie schon Heinrich Heine vor über 200 Jahren konstatierte, auch Menschen verbrannt werden.

Jeder Glaubenseifer erzeugt bekanntlich eifernd-geifernde Massen. Rationalität, kritische Würdigung von Argumenten, Gewissensfreiheit und die Freiheit wissenschaftlicher Forschung gehören einer Welt von gestern an. Man braucht all das nicht mehr. Denn: „Wir gehen mit Zuversicht die nächsten Schritte!“ Und man darf sich als Zuversichtlicher sicher sein, zu den Guten zu gehören.

Skepsis: Das Regulativ der Zuversicht

Oakeshott hatte der Politik der wahrheitsgewissen Zuversicht die Politik der Skepsis zur Seite gestellt: Mal überwiegt die eine Seite, mal die andere. Stets war die unterlegene Seite als Regulativ zur Stelle. Gewinnt eine Seite aber wie derzeit die Oberhand und verdrängt sie die andere gar vollständig, ist der Weg in den Untergang vorgezeichnet. Im Falle des unbezweifelbaren Primats der Zuversicht führt der Untergang in den Totalitarismus.

Es ist höchste Zeit, der Skepsis wieder zu ihrem Recht zu verhelfen. In der Corona-Zeit haben skeptische Ärzte, Wissenschaftler und Publizisten eindrucksvoll gezeigt, welche Macht in der Skepsis liegen kann. Sie haben die Lügen eines sich schon damals sehr zuversichtlich zeigenden Systems offengelegt und wurden dafür verfolgt. Doch sie waren erfolgreich: Die Zahl der Skeptiker ist seither deutlich gewachsen. Übrigens hatte der damalige Gesundheitsminister Jens Spahn 2021 die als Impfzentrum eingerichtete Abfertigungshalle des Flughafens Münster-Osnabrück wortwörtlich als „Tempel der Zuversicht“ bezeichnet. Kann man den quasi-religiösen Charakter der Politik der Zuversicht deutlicher offenbaren? Sich selbst hatte der Politiker vermutlich als Hohepriester der Zuversichtsreligion gesehen.

Foto: Lutz Meyer

 

 

Lutz Meyer ist Philosoph und Autor. Sein wichtigstes Thema: die Lebenskunst. Mehr hierzu auf besser-mit-kunst.de Auch interessant: wort-und-bogen-de