Das Staunen zeichnet das Kind aus. Täglich gibt es Neues zu entdecken,…

Immer mehr Leute gucken lieber Videos als einen Text zu lesen. Und wenn man doch noch liest, dann überwiegend Posts auf Social Media oder rasch konsumierbare Infohäppchen. Und wenn doch mal ein Buch, dann meist eher leichtgewichtige Kost. Der Hang zum Leichten bleibt nicht ohne Folge für das Gehirn.
Hirnaktivität Video vs Hirnaktivität Buch
Generell scheint es so zu sein, dass das Gehirn beim Lesen aktiver ist als beim bloßen Schauen. Ähnliches gilt für den Vergleich Lesen/Hören. Beim Lesen muss das Hirn die Buchstaben in einen Sinnzusammenhang übertragen, muss Grammatik und Bedeutung erkennen.
Das Lesen tiefer Texte fördert das Langzeitgedächtnis, erweitert den Wortschatz, Inhalte werden analysiert, strukturiert und verarbeitet. Auch steigert das Lesen eines Buches die Konzentration statt sie zu behindern, weil beim Lesen nicht dauernd irgendein neues Fenster aufploppt. Der häufige Wechsel von Inhalten steht im Verdacht, die sogenannte digitale Demenz zu fördern, während die konzentrierte durchdringende Aneignung eines komplexen Textes der Demenz eher vorbeugen dürfte.
Beim Lesen werde ich zu meinem eigenen Regisseur
Beim Schauen von Videos kommt durch Farben, Töne und Sprachmelodie unterstützend eine sinnliche Erfahrung hinzu, die das Hirn beim Lesen erst mühsam ergänzen muss: Es erzeugt Laute und Bilder, Tonfolgen und Bildsequenzen, es schafft so seinen eigenen Film.
Ich bin mein eigener Regisseur und Produzent, ich bin verantwortlich für alles vom Casting der Darsteller und Locations bis zum Director’s Cut. Beim Videogucken ist das Hirn passiver und weniger fokussiert als beim Lesen. Natürlich kommt es auch hier darauf an, welche Art von Film man schaut. Handelt es sich um einen gut gemachten Film an, ist das Hirn wahrscheinlich sogar aktiver und geforderter als beim Lesen eines schlechten, langweiligen Textes.
Doch noch etwas ist anders: Beim Lesen habe ich eine konkrete räumliche Erfahrung – das Buch und seine Umgebung sind dreidimensional präsent, das Buch ist über die es haltende Hand unmittelbar mit meinem Körper verbunden, während der Bildschirm zweidimensional ist. Es fehlt beim Bildschirm im doppelten Wortsinn die Tiefenerfahrung.
Training: Die Bibliothek als Gym
Man sollte also das Buch, weil vermeintlich nicht mehr zeitgemäß, nicht ausmustern. Und bei der Wahl der Lektüre darf man auch gern etwas anspruchsvoller sein. Es ist mit dem Gehirn nicht anders als mit den Muskeln: Trainiert man sie, werden sie leistungsfähiger. Trainiert man sie nicht, erschlaffen sie. Und wie das sogenannte Gehirnjogging wenig bringt, weil es nur wenige, bereits bestehende neuronale Verbindungen beansprucht und keine neuen schafft, sollte auch die Lektüre nicht nur anspruchsvoll, sondern abwechslungsreich sein.
So könnte ein Lesepensum für einen Monat aussehen: Man lese einen Dialog von Platon, 4 bis 5 Gedichte (Niveau etwa Goethe, Hölderlin, Gottfried Benn…), eines der Dramen von Shakespeare (Macbeth, Hamlet…), einen gut konstruierten Roman (da darf es gern etwas moderner sein, etwa was von T. C. Boyle oder Martin Mosebach) und eine kürzere, aber tiefsinnige historische Erörterung (etwa „Land und Meer“ von Carl Schmitt oder „Skandal in Königsberg“ von Christopher Clark). Auch Aphorismen taugen für das Training, Nicolás Gómez Dávila beispielsweise. Dazu vielleicht ein Sachbuch mit Bezug auf Natur, Technik oder Geschichte (keine Ratgeberliteratur bitte). Wenn man das über ein Jahr hinweg durchhält, wird der Geist ein anderer sein.
Foto: Lutz Meyer