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Ob sanfter Wellenschlag oder donnernde Brandung – kein Fels widersteht auf Dauer der Kraft des Wassers. So werden aus riesigen Blöcken im Laufe von Äonen kleinere, handlichere Brocken, schließlich Kiesel und endlich Sand. Die Mühlen der Zeit mahlen langsam, doch sie mahlen.

Ein Mensch, der wie ein Fels in der Brandung steht, widersteht nicht den Elementen, sondern den Widrigkeiten und Anfechtungen seiner Zeit. Er weicht ihnen nicht aus, lässt jede Zumutung an sich abprallen, stemmt sich dem entgegen, andere schützend, zeigt Charakter, Mut und Nervenstärke – und wird am Ende doch gleich seinem steinernen Vorbild der Gewalt weichen müssen.

Ist es also sinnlos zu widerstehen, sollte man jedem Druck ausweichen und lieber das Leben genießen, weil jeder Widerstand am Ende ja doch sinnlos gewesen sein wird? Ganz im Gegenteil. Ein Mensch, der wie ein Fels sich den anstürmenden Gewalten widersetzt, erfüllt darin den wichtigsten Anspruch seines Menschseins – in diesem unausweichlichen letzthinnigen Scheitern nach Kampf und Ringen liegen nicht Verdruss und Elend, sondern Größe und Glanz. Dass am Ende das Schicksal, unsere Feinde oder die Götter uns besiegen werden, tut nichts zur Sache. Wir haben bis zum Letzten widerstanden. Das ist die Lehre der griechischen Tragödie, die uns Heutigen so fremd geworden ist.

 

Foto: Lutz Meyer

Lutz Meyer

Lutz Meyer ist Texter und Autor. Schwerpunktthemen sind Gesundheit, Bauen und Philosophie.

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