Skip to content
Im Sumpf

Sümpfe und Moore gelten bis in die Neuzeit als Sitz von Geistern, guten wie bösen. Eiszeitliche Jäger, eisenzeitliche Bauern und alles dazwischen: Sie brachten hier im Sumpf oder Moor Opfergaben dar. Geweihe, Knochen, Waffen, Krüge, zuweilen wohl auch lebende Menschen. Der Sumpf steht für eine gewisse Todesnähe: Herumgeisternde Irrlichter sind rastlose Seelen Verstorbener. Wer ihnen folgt, ist ebenfalls verloren.

Erkenntnisse und Gefühle im Sumpf

Die Wissenschaft kann das natürlich alles erklären: Irrlichter etwa entstehen bei der Zersetzung von Faulgasen. Und gefährlich sind Sümpfe nur, wenn man in sie hineingeht und die Schwerkraft ihr Werk verrichten lässt. Metaphorisch steht der Sumpf heute weniger für mysteriös Über- oder Unterirdisches als vielmehr für so etwas Banales wie Korruption in Politik und Wirtschaft. Sind die seltsamen Gefühle, die uns im Angesicht von Sümpfen befallen, also irrational?

Der Sumpf ist eine Mischung aus Wasser und Erde. Das Trügerische besteht zum einen darin, dass die Erde im Sumpf ihre gewohnte Festigkeit verliert. Und zum anderen darin, dass das Wasser uns weder erfrischt noch belebt. Es ist faulig, ungenießbar, nicht klar. Und auch die Luft, die dieser Mischung entströmt, ist unangenehm. Sie lässt uns nicht frei durchatmen. Malaria, die schlechte Luft, hat hier ihren Urpsrung.

Hinzu kommt die unheimliche Beobachtung, dass alles, was in den Sumpf gerät, auf Nimmerwiedersehen verschwindet – wenigstens so lange, bis Archäologen Ausgrabungen machen. Unsere Gefühle sind also keineswegs irrational. Im Sumpf erkennen wir etwas, das uns gefährlich werden kann.

Insofern war es auch von unseren Vorfahren in grauer Zeit durchaus rational, an einem so unguten Ort zu opfern, um Dämonen gnädig zu stimmen.

 

Foto: Lutz Meyer

Lutz Meyer ist Philosoph und Autor. Sein wichtigstes Thema: die Lebenskunst. Mehr hierzu auf besser-mit-kunst.de Auch interessant: wort-und-bogen-de