Im Laufe meines bisherigen Erdendaseins habe ich schon einige Hundert Kilometer zu…

Benötigt man für Zeitreisen eine Zeitmaschine? Nein. Erstens ist mir bislang kein wirklich zuverlässig funktionierendes Modell einer Zeitmaschine bekannt geworden. Zweitens kann man das Ganze auch deutlich einfacher haben. Alles was es braucht, ist ein wenig Phantasie und ein paar Requisiten.
Zeitreisen: Klappe, die erste
Wie bewegte man sich, wie dachte, wie sprach man im 18. Jahrhundert? Wahrscheinlich abhängig davon, welche gesellschaftlichen Schicht man angehörte. Denn zu jener Zeit waren die Schichten deutlich schärfer voneinander getrennt als heute. Die Gräfin benahm sich zumeist wie eine Gräfin, der Landgeistliche führte sich nicht auf wie ein Schweinehirt und der Schweinehirt wiederum war klar als solcher zu erkennen. Daneben Kaufleute, Advocaten, Wirte, Handwerker, Schulmeister, Bauern und Soldaten. Ein jeder fügte sich den Regeln seines Standes, ein Wechsel in einen höheren Stand war möglich, aber schwierig. Auch der Abstieg sprengte nur selten die Grenzen der gesellschaftlichen Schichtung. Ein Adliger landete selbst bei gröbstem Fehlverhalten kaum jemals in der Gosse.
Unsere Gegenwart steht in einem krassen Gegensatz dazu. Zwar gibt es auch heute noch eine soziale Schichtung, doch die Merkmale sind schlichter, gröber geworden. Ein Angehöriger der Oberschicht zeichnet sich heute in erster Linie durch ein Übermaß an materiellem Besitz aus. Kulturverständnis, Bildung, Charakterstärke, gutes Benehmen und innere Werte lassen sich nicht ohne Weiteres kaufen, zählen deshalb kaum. Deshalb sind Leute mit Geld heute oft auch Leute mit schlechtem Geschmack und schlechtem Benehmen. Umgekehrt kann jemand, der kaum etwas besitzt, den ganzen Reichtum der abendländischen Kultur in sich tragen, kann Kunstwerke schaffen, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat, kann über Herzensbildung verfügen. Die Schichtung ist noch da, doch gehen Verwerfungen durch sie hindurch.
Zeitreisen: Klappe, die zweite
Kleider machen Leute, sagt man. Das reicht tiefer hinab, als man denkt. Schon der spielerische Umgang mit Kleidung einer früheren Epoche schafft gleichsam den Rahmen dafür, dass zunächst die Körperhaltung und sodann der Geist sich der der äußeren Umhüllung anpassen. Man wird zu dem, den man darzustellen versucht. Der Blick auf die Umgebung verändert sich, die Sprache wird eine andere, die Geisteshaltung auch. Damit es nicht bei einem bloßen Verkleidungsakt bleibt, ist es wichtig, den Geist auf Wanderschaft gehen zu lassen: Zurück in längst vergangene Epochen.
Ein solcher Akt der Verwandlung kann zum Privatvergnügen stattfinden, er kann aber auch im öffentlichen Raum für Verwunderung und Denkanstöße sorgen.
Foto: Egle Pakarklyte/Lutz Meyer