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Die minoische Kultur macht zusammen mit der zeitgleich zu verortenden mykenischen Kultur die griechische Bronzezeit aus. Die minoische Kultur auf Kreta war die stärkste Seemacht ihrer Zeit. Sie dominierte mit ihrer Flotte lange Zeit das östliche Mittelmeer.
Denken wir an die frühe kretische Kultur, haben wir vor allem ihre Keramik mit phantastischen maritimen Motiven und das Labyrinth des Minotaurus vor Augen. Als drittes noch die verwunderliche Tatsache, dass die minoische Kultur im Unterschied zur mykenischen ganz ohne Stadt- und Burgmauern auskam. Das spricht für das starke Selbstbewusstsein einer Seemacht ohne Konkurrenz. Oder deutet es auf geheimnisvolle Verbündete hin? Irgendwann um ca. 1.400 v. Chr. aber wurde die minoische Kultur von den Mykenern überrannt, kein Stein blieb auf dem anderen. Die unbefestigten Paläste und Wohnsiedlungen wurden mit brutaler Gewalt zerstört. War es einfach nur das Finale eines lange schwelenden Nachbarschaftskonflikts? Die Frage, warum die minoische Kultur wirklich unterging, ist bis heute unbeantwortet.
Warum die minoische Kultur wirklich unterging: Woher der Hass?
Die Ruinen der minoischen Kultur zeugen von einer geradezu unbändigen Zerstörungswut, von roher Gewalt, hinter der mehr als nur Rivalität stecken muss. Greift ein Volk das benachbarte an, wird es versuchen, möglichst viele Gebäude, Anlagen und materielle Werte in seinen Besitz zu bringen, um sie fortan selbst zu nutzen. Wenn aber ein unbändiger Wille zur Vernichtung alles zerstört, muss es Ursachen dafür geben.
Findet sich die Antwort bei H.P. Lovecraft?
Der Zufall wollte es, dass ich – während ich bei hochsommerlichen Temperaturen über diese Frage nachsann – gerade einmal wieder H.P. Lovecrafts „Schatten über Innsmouth“ las. Darin geht es um eine Kleinstadt an der nordwestlichen Atlantikküste der USA, deren Bewohner sich von der Außenwelt abkapseln und Fremden äußerst misstrauisch begegnen. Überdies zeigen sie deutliche Merkmale der Degeneration wie Ansätze zur Kiemenbildung, einen Watschelgang und einen penetranten Fischgeruch. Im Laufe der Erzählung stellt sich heraus, dass die Bewohner vor langer Zeit eine bis die erzählerische Gegenwart andauernde Verbindung mit Meereswesen eingegangen waren und sich mit diesen fortpflanzten. Auf diese Weise entstand ein Kult, der auf eine Vereinigung submarinen und terrestrischen Lebens hinauslief.
Das musste aus Sicht des Menschen Abscheu, Widerwillen und Hass hervorrufen. So kam es, dass die Stadt während des Winters 1927/28 in einer geheimen Aktion verschiedener Bundesbehörden von der Erdoberfläche getilgt wurde. Nichts sollte mehr an das obszöne Treiben ihrer Bewohner erinnern. Überlebende wurden in geschlossene Anstalten verbracht, die sie nie wieder verließen.
Ein mysteriöser maritimer Kult der minoischen Kultur?
Die minoische Kultur ist nun aber eher auf den Stier konzentriert als auf Kraken und Delphine: Festspiele, bei denen die Jugend des Landes ihre Kräfte und Geschicklichkeit im Stiersprung maß, weisen darauf ebenso hin wie der seltsame Minotaurus, halb Stier, halb Mensch – hervorgegangen aus der Vereinigung des Zeus mit der Europa. Zeus hatte, um die bezaubernde Tochter des phönizischen Königs zu entführen, Stiergestalt angenommen.
Der Minotaurus beherrschte ein Labyrinth, in dem ihm alle neun Jahre sieben Jünglinge und sieben Jungfrauen geopfert wurden (eine Tributleistung der zuvor von den Kretern besiegten Athener). So spricht die Überlieferung zu uns. Was aber, wenn es noch einen anderen minoischen Kult gab, der den Mykenern und anderen Griechen als dermaßen abscheulich galt, dass man alle Spuren der minoischen Kultur zu vernichten trachtete?
Vielleicht waren die Minoer – ähnlich wie die Bewohner von Innsmouth in Lovecrafts Erzählung – eine schreckliche, unheilvolle Allianz mit Meereswesen eingegangen? Vielleicht waren sie nur mit deren Hilfe zur stärksten Seemacht ihrer Zeit geworden? Wähnten sich die Minoer unbesiegbar, weil sie diese starken unterseeischen Verbündeten hatten? Die deutliche Präsenz maritimer Lebensformen auf minoischer Keramik hatte möglicherweise keine dekorative, sondern eine kultische Bedeutung.
OK, ich gebe zu, dass die hohen Temperaturen ein ganz klein wenig zu diesen abstrus erscheinenden Überlegungen beigetragen haben könnten. Aber gänzlich auszuschließen ist ein solcher Vorgang vor langer, langer Zeit wohl auch nicht. Das Gegenteil kann zumindest niemand beweisen.
Foto: Lutz Meyer