Zu meinem kurzen Text über die Hydra vor einigen Tagen erreichten mich…

Ein Zaun markiert eine Grenze. Eine Grenze grenzt etwas ab. Dein Land von meinem. Oder einen Herrschaftsbereich von einem anderen. Oder einen Herrschaftsbereich von einem Bereich ohne Herrschaft.
Die drei großen Dystopien aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – Samjatins „Wir“, Huxleys „Schöne neue Welt“ und Orwells „1984“ schildern Herrschaftssysteme, die auf unterschiedliche Art totalitär sind. Sie sind jedoch womöglich nicht universal totalitär, jenseits ihrer Herrschaft gibt es jeweils eine Wildnis. Doch wie wild ist diese Wildnis wirklich?
Wildnis bei Samjatin, Huxley, Orwell
Samjatin konstruiert die mathematisch perfekte Stadt, die Wildnis jenseits ihrer Grenzen ist das Irrationale, Leidenschaft und Freiheit. Doch die Stadt fürchtet die Wildnis nicht, weil ihre Bürger psychisch so konditioniert sind, dass sie das Wilde verabscheuen. Eine Überwachung der Grünen Mauer ist nicht nötig. Erst wenn das Wilde in die Technokratie einzudringen droht, ergreift die Stadt Maßnahmen, um es auszurotten.
Huxleys Schöne neue Welt ist ein Herrschaftssystem, das ohne Gewalt auskommt. Menschen werden entsprechend den Bedürfnissen des Systems im Labor gezüchtet. Eine Droge, Soma genannt, sorgt dafür, dass alle glücklich mit ihrem Dasein sind. Nennenswerter Widerstand ist nicht zu befürchten und kommt auch kaum vor. Für diejenigen, die das System dennoch nicht mögen und Unruhestifter gibt es die sogenannte Wildnis – ein von einem Hochspannungszaun eingehegtes Reservat, das die Insassen nicht verlassen dürfen. Eine echte Kontrolle der Vorgänge im Inneren des Reservats gibt es nicht, die Isolation sorgt dafür, dass das System in seiner Herrschaft nicht behelligt wird.
Auch Orwells 1984 kennt eine Wildnis als Gegenentwurf zur Schreckensherrschaft des Großen Bruders. Doch diese Wildnis ist eine Falle – sie wird im Geheimen ebenso überwacht wie der Staat selbst, die Wildnis ist nur eine weitere Zelle im allumfassenden Gefängnis. Wer sie aufsucht, markiert sich damit als Feind.
Und wir?
Sofern heute überhaupt noch von einer Wildnis die Rede sein kann, werden wir sie eher in uns selbst finden als in irgendeinem Draußen. Dieses Draußen ist restlos kartographiert, jeder Quadratmeter wird durch Satelliten, Drohnen, Sensoren und andere Technologien lückenlos überwacht.
Die Wildnis als Refugium ist eine Illusion. Jeder Dschungel, jeder Sumpf, jede eisige Einöde, jede Tiefe ist heute auf eine Weise erfasst und transparent, die unsere Vorstellungskraft sprengen dürfte. Selbst die nähere Umgebung unseres Planeten ist von dieser Überwachung durchdrungen. Wer das System verlassen will, sollte also nicht an äußere Räume denken. Nur innere Räume bieten Möglichkeiten der Zuflucht. Doch auch die geraten immer mehr unter Druck.
Zum einen wird jeder Gedanke, den einer in einem digitalen System niederschreibt, sofort registriert, archiviert, ausgewertet, genutzt oder an der Ausbreitung gehindert. Zum anderen werden mithilfe digitaler Medien enorme Anstrengungen unternommen, um Menschen vom Denken abzuhalten. Die Nutzung künstlicher Intelligenz wird hier große Dienste leisten. Warum sollte ein Scchüler noch über Hausaufgaben brüten? Die KI ist schnell und weiß mehr als selbst der Lehrer. Ein paar Spuren sind schnell verwischt. Clever und ziemlich dumm zugleich.
Die Kontrolle scheint lückenlos zu sein bzw. in naher Zukunft zu werden. Doch ist sie es wirklich? Jedes tiefe Gefühl, jeder tiefer Gedanke ist ein Schritt ins Freie. Eine gute Perspektive.
Foto: Lutz Meyer