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Wenn Kinder heutzutage etwas leisten, wird das gebührend gewürdigt. Auch wenn lediglich der Lauf der Zeit die Leistung erbracht hat, wird gefeiert. Ein schönes Beispiel ist die Einschulung. Besonders dieser Tag entwickelt sich zunehmend zu einem Meilenstein der Feierlichkeiten, die ein Kind während seines Heranwachsens passiert. Je nachdem wie genau Mutter und Vater es mit dem elterlichen Feier-Codex nehmen, werden Oma und Opa, Tante und Onkel herzitiert, schmucke Kleider gekauft, thematisch zum Schulbeginn passende Geschenke besorgt und ein Raum oder Tisch gebucht. Wer sehr genau ist, versorgt sich noch mit Buchstaben-Girlanden und ähnlichen Deko-Firlefanz.

Auch an der Art der Schultüte lässt sich erkennen, wie ernsthaft die Eltern die Einschulung ihres Kindes betreiben. In unserem Dorf kann man beispielsweise auf einen Blick die engagierten Eltern von den unengagierten unterscheiden: Erstere haben in den Kindergärten die Schultüten gewissenhaft selbst gebastelt. Da die Kindergärten unterschiedliche Rohlinge und Motive verwenden, kann man am Tag der Einschulung sogar anhand der Zuckertüte sehen, in welcher Kita das Kind seine Vorschulzeit verbracht hatte. Kinder mit deutlich erkennbar fertig gekauften Schultüten fallen übrigens aus dem Gesamtbild der zukünftigen Grundschüler heraus und werden mit Vorurteilen überhäuft – auch wenn es ganz praktische Gründe für diesen Fauxpas gibt wie ein kürzlich erfolgter Umzug.

Das Ende der Grundschulzeit

Der nächste große Meilenstein, den alle Kinder ob sie wollen oder nicht hinter sich lassen, ist das Ende der Grundschulzeit. Als kürzlich mein Kind die vier Jahre hinter sich gebracht hat, habe ich mich an mein Ende der Grundschulzeit erinnert. Besser gesagt, versucht zu erinnern. Denn der Tag ist mir nicht im Gedächtnis geblieben, weil er nicht zu etwas Besonderem gemacht wurde. Wir sind damals einfach … gegangen. Wie ich gelernt habe, feiern heutzutage die Eltern ihre Kinder, die Kinder feiern sich selbst, die Klassenlehrerin wird von Eltern und Kindern gefeiert und feiert ihrerseits Kinder und Eltern – und die Schule feiert alle zusammen. Ich muss gestehen, ich habe bei der vielen Feierei irgendwann den Überblick darüber verloren, ob alle, die beschenkt und gefeiert werden mussten, tatsächlich beschenkt und gefeiert wurden. Außerdem habe ich mich gefragt, ob die ersten vier Jahre tatsächlich so nachhaltig und großartig gewürdigt werden müssen, wenn noch mindestens fünf weitere Schuljahre vor den Kindern liegen.

Noch dazu hatten weder mein Kind noch ich so richtig Lust darauf, die Grundschulzeit zu feiern. Mein Kind war einfach nur froh, dass sie vorbei war. Es hatte Ausgrenzung durch die Mitschüler erlebt und in der Endphase der vierten Klasse auch Mobbing durch seine Klassenlehrerin. Deshalb war uns eher nach einem Durchatmen, dem Verarbeiten der Geschehnisse und einem ruhigen Abschluss der Grundschulzeit zumute. Allerdings fielen wir mit dieser Haltung und diesen Wünschen genauso aus der Rolle wie die Eltern, die ihre Kinder mit einer gekauften Star-Wars-Zuckertüte zur Einschulung schicken. Sei‘s drum. Mein Sohn hat nach der Abschlussfeier hoch erhobenen Hauptes den Schulhof verlassen. Ich habe ihn umarmt und den Spruch zitiert, den sich seinerzeit mein Abijahrgang zum Motto genommen hatte: „And now for something completely different.“ Gefeiert haben wir an dem Tag auch nicht mehr, aber wir haben uns einen schönen, nicht alltäglichen Ausflug gegönnt.

 

Foto: Nicole Hein

Nicole Hein

Nicole Hein ist freie Journalistin und Autorin mit den Schwerpunkten Gesundheit, Steuern, Lebensart & Wohnen.

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