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Über Wracks

Jedes Schiff erreicht irgendwann diesen Zustand, in dem es nicht mehr seetauglich ist. Ist das Schiff aufgrund z. B. seiner historischen Bedeutung erhaltungswürdig, kann man es restaurieren und für weitere Jahrzehnte flott machen. Ist es das nicht, wird es abgewrackt und in seine Einzelteile zerlegt. Was sich noch verwerten lässt, wird verwertet. Menschliche Wracks Auch Menschen können in einen Zustand kommen, der Zweifel an ihrer weiteren Lebenstauglichkeit aufkommen lässt. Ein menschliches Wrack hat sich meist selbst in diese Situation gebracht,…

Feuer und Flamme

In einer Zeit, in der flächendeckende, länger andauernde Stromausfälle wahrscheinlicher werden, erscheint es sinnvoll, sich auf bewährte Formen der Nahrungszubereitung zu besinnen. Man könnte eine elektrische Kochstelle zwar auch mit einem Dieselgenerator oder Sonnenkollektoren betreiben, man könnte einen Campingkocher oder Grill verwenden, doch entgeht einem dann die wichtigste Erkenntnis: Die Einsicht in die Brüchigkeit der menschlichen Zivilisation. Diese Erleuchtung bringt wohl nur die Feuerstelle. Foto: Lutz Meyer

Mehr als nur ein Memento-Mori-Moment

Im Freilichtmuseum Cloppenburg erinnert ein aufgestellter Sarg ebenso an das traditionelle Bestatterhandwerk wie an die Endlichkeit des Lebens. Doch mich sprang bei diesem Anblick etwas ganz anderes an: Das pure Leben. Die Urfom Die Grundform des Sarges taucht im menschlichen Leben in vielerlei Bezügen auf. Es ist der aus Holz gefertigte Kasten. Ein Kasten bedeutet Sicherheit, Schutz. Es fängt mit der Wiege an, dann das Bett, die Truhe, das Boot, der Karren und endlich auch der letzte Kasten. Die Urform…

Verweigerung als Lebensform

Derzeit deuten viele Zeichen in Richtung Kriegsvorbereitung. Deshalb ein paar Gedanken zur Wehrpflicht. Sie sind für mich nicht neu, denn anno 1980 habe ich selbst den Wehr- bzw. Kriegsdienst verweigert. Anerkannt wurde ich damals erst in der dritten Runde (vor dem Oberlandesgericht), weil ich in den beiden ersten Runden (vor sogenannten Prüfungskammern) wohl zu wenig Gewissensnöte gezeigt und zu rational argumentiert hatte. Derzeit ruht die allgemeine Wehrpflicht noch, ihre Wiedereinführung scheint aber beschlossene Sache zu sein. Neben den üblichen Verdächtigen…

Die Köpfe der Hydra

Zu meinem kurzen Text über die Hydra vor einigen Tagen erreichten mich Hinweise mit der Aufforderung, das etwas weiter auszuführen. Gut, dann frisch ans Werk. Bereits in der Antike nahm man es mit der Zahl der Köpfe nicht so genau. Meist waren es neun Köpfe, in späteren Darstellungen mitunter nur sieben, man zählte aber auch bis zu 50. Der mittlere Kopf war der zentrale, der unsterbliche, die anderen regenerierten sich, wenn man sie abschlug, und verdoppelten sich dabei. Der Kampf…

Laster unter Wasser

Kürzlich hatte ich unter dem Gesichtspunkt der Elite Baiae erwähnt, das antike Epstein-Island, Lust-, Orgien- und Vergnügungsstätte der alten Römer. Hier blühten illegales Glücksspiel, Betrug, Erpressung, Verschwörungen, sexuelle Ausschweifungen jeder Art. Nero sah man in Baiae ebenso wie Claudius, Hadrian, Caligula, Markus Antonius und Julius Caesar und mit ihnen zahlreiche Angehörige der damaligen römischen Elite. Caligula in Baiae Caligula gilt der Nachwelt bis heute als eines der größten Monster der Antike. Zahlreiche Schandtaten werden ihm nachgesagt – darunter politische Morde,…

Hydra heute

Die Hydra ist ein vielköpfiges, schlangen-, in manchen Darstellungen eher drachenartiges Ungeheuer aus dem griechischen Mythos. Schlug man ihr einen Kopf ab, wuchsen sofort zwei neue nach. Ihr Blut und sogar ihr Atem waren dermaßen giftig, dass der Kontakt sofort tödlich war. Dem Heros Herakles gelang es schließlich mithilfe einer List, das Monster zu töten: Sofort, nachdem er einen Kopf abgeschlagen hatte, brannte er die Wunde aus, sodass keine neuen Köpfe wachsen konnten. So erledigte er das Ungeheuer Hieb für…

Vor dem Backen kommt das Mahlen

Diesen prächtigen Mühlstein sah ich im Freilichtmuseum Cloppenburg. Mich beeindruckt nicht nur die Größe. Die Rillen auf der rauhen Mahlfläche fügen sich zum Bild einer Blüte, das Ganze erinnert an ein Sonnenrad. Auch im Ruhezustand strahlt der Mühlstein eine starke Dynamik aus – die mahlende Bewegung ist im Augenblick erfasst. Durch das sogenannte Auge in der Mitte (je nach Landschaft auch Schluckloch genannt) fließt das Korn hinein. Die Sonnensymbolik steht für das, was das Getreide hat wachsen lassen: das Licht…

Inseln der Laster und Lüste

Inseln üben auf viele Menschen eine besondere Anziehung aus. Oft einsam gelegen, versprechen Inseln nicht nur Ruhe und Kontemplation, sondern sind auch den neugierigen Blicken der Öffentlichkeit entzogen. Dabei muss es sich noch nicht einmal um echte Inseln handeln – die relative Abgeschiedenheit reicht. Ein antikes Beispiel ist Baiae nahe Neapel. Dort trieb die römische Elite Dinge, die in Rom zu treiben selbst sie sich nicht getraut hätte. Zu groß wäre die öffentliche Empörung gewesen, zu markant die Kluft zwischen…

Die Tugendtrompeten

Virtue signalling – zu deutsch in etwa das vorauseilende öffentliche Bekunden moralischer Standhaftigkeit – ist immer dann groß in Mode, wenn das gerade herrschende System in einer Krise steckt und öffentliche Bekenntnisse verlangt. Die literarisch manifest gewordene Urform ist der Gesslerhut, den in Schillers Wilhelm Tell ein jeder zu grüßen hatte. Tat er es nicht, war er als Feind des Landvogts markiert. Heinrich Mann setzte dem ewigen Bückbürger und Moraltrompeter in seinem Roman „Der Untertan“ ein weiteres Denkmal. Ein kurzer…