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Äpfel mit Birnen vergleichen

Äpfel mit Birnen vergleichen – warum eigentlich nicht? Dass man das nicht dürfe, ist grober Unfug. Der Vergleich von A und B ist die Grundlage jeder Wissenschaft und die Basis jeder differenzierten Aussage. Die eingangs erwähnte Redensart meint wahrscheinlich, dass man Äpfel und Birnen nicht gleichsetzen dürfe. Klar, sofern Unterschiede zwischen zwei Dingen offensichtlich sind, sollte man das nicht. Um aber Unterschiede oder Gleichheit festzustellen, muss man zunächst vergleichen.

Genaues Vergleichen schult die Wahrnehmung und den Verstand

Ich finde am Strand zwei versteinerte Seeigel, die einander auf den ersten Blick sehr ähnlich sind. Lässt sich daraus ihre Gleichheit ableiten? Der eine ist wie der andere? Es empfiehlt sich genaues Hinsehen. Selbst wenn beide Fossilien derselben Gattung zugehören, wird es feine Unterschiede geben. Es könnte sich um unterschiedliche Erhaltungszustände handeln, vielleicht auch um unterschiedliche Arten derselben Gattung. Nach ähnlichem Muster funktioniert auch der oft und gern bemühte Schwanzvergleich: der eine ist vielleicht größer, dicker, wohlgeformter als der andere, aber das Schwanzhafte bleibt bestehen.

Nun habe ich eine Dose Ölsardinen vor mir und einen Apfel. Kann ich beide vergleichen? Klar. Beides dient meiner Ernährung. Der eine ist frisch vom Baum, der Inhalt der anderen entstammt dem Meer und hat einen Bearbeitungsprozess durchlaufen. Den einen hab ich selbst gepflückt, das andere musste ich im Supermarkt kaufen.

So kann ich letztlich alles mit allem vergleichen. Je genauer ich vergleiche, desto mehr Unterschiede werde ich wahrscheinlich feststellen. Selbst bei zwei Eiern, von denen eins zwar dem anderen gleicht, aber eben nicht mit ihm identisch ist.

Ein philosophischer Skandal des Vergleichens

Der Philosoph Martin Heidegger hatte kurz nach dem Krieg in einem Vortrag über das Wesen der Technik dies gesagt: „Ackerbau ist jetzt motorisierte Ernährungsindustrie, im Wesen das Selbe wie die Fabrikation von Leichen in Gaskammern und Vernichtungslagern, das Selbe wie die Blockade und Aushungerung von Ländern, das Selbe wie die Fabrikation von Wasserstoffbomben.“ (Martin Heidegger, Gesamtausgabe Band 79 Bremer und Freiburger Vorträge, S. 27).

Damit hat Heidegger NICHT etwa die Vernichtungslager mit dem Ackerbau gleichgesetzt. Er hat damit weder die Opfer des Holocaust verhöhnt noch die Landwirte beleidigt. Er hat sehr wohl einen Vergleich angestellt und dabei, wie sich aus dem Kontext ergibt, festgestellt, dass all dies etwas Technisches sei und in all dem Technischen dasselbe Prinzip wirkt. Man mag dies geschmacklos finden, als Mittel der Erkenntnis ist es zulässig.

Politisch Äpfel mit Birnen vergleichen

Im Raum des Politischen sind sogenannte Nazivergleiche heute sehr beliebt. Die funktionieren in aller Regel nach diesem bewährten Muster: Du hast eine andere Meinung als ich, diese andere Meinung ist mir missliebig, also bist du ein Nazi. Verkürzt dargestellt bezieht sich der Nazivergleich fast ausnahmslos auf die AfD und ihr Umfeld.

Natürlich darf man die AfD mit Nazis vergleichen – wie man auch Äpfel mit Birnen vergleichen darf. Aber ebenso statthaft wäre es, beispielsweise die Grünen mit Nazis zu vergleichen. Solange man die einen wie die anderen nicht sofort mit jenem Dritten gleichsetzt, ist das eine wie das andere in Ordnung. Erst nach einem sorgfältigen Abgleich der Charakteristika beiden Parteien dürfte man eine Aussage treffen wie „Die AfD bzw. die Grünen gleichen den Nazis in diesem oder jenem Punkt.“ Eine Gleichsetzung wäre freilich auch das nicht. Eine Identität wäre allein schon wegen des zeitlichen Abstandes in beiden Fällen zumindest zweifelhaft.

Die Redewendung, dass man Äpfel nicht mit Birnen vergleichen solle, soll sich herleiten von einer anderen, älteren: „Ich frage nach Äpfel und du antwortest von Birnen“. Man kann, wenn man eine Frage beantwortet, im System bleiben. Man kann das System, in dem sich die Frage bewegt, aber auch verlassen und mit der Antwort eine andere Ebene betreten. Derjenige, der die Frage gestellt hat, wird das nicht immer zu schätzen wissen.

Der hinkende Vergleich

Zwar ist jeder Vergleich statthaft. Doch in manchen Fällen erscheint ein Vergleich auf den ersten Blick so absurd oder weit hergeholt, dass man sagt: Der Vergleich ist ungleich, es gibt keine Gemeinsamkeiten, der Vergleich hinkt. Im Fall von Äpfeln und Birnen hinkt der Vergleich aber nicht. Äpfel wie Birnen sind beides heimische Kernobstsorten, die uns mit Vitaminen und Spurenelementen versorgen. Beide reifen im Spätsommer oder Herbst. Und sowohl Äpfel als auch Birnen gelten im Allgemeinen als wohlschmeckend. Im Übrigen lässt sich feststellen: Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich.

 

Foto: Lutz Meyer

Lutz Meyer ist Philosoph und Autor. Sein wichtigstes Thema: die Lebenskunst. Mehr hierzu auf besser-mit-kunst.de Auch interessant: wort-und-bogen-de