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Steiniges Geschäftsmodell

Stifte, Steine – und schon klimpert die Kasse. Meine Söhne waren von dem so einfachen und scheinbar einträglichen Geschäftsmodell fasziniert. Während unseres Urlaubs an der dänischen Nordseeküste liefen die beiden meistens im Zickzack über die Straße. Wie magisch angezogen steuerten sie jede der ausgelegten Steinwaren an. Wenn man nach den Autokennzeichen vor den Ferienhäusern ging, handelte sich bei den Künstlern um deutsche Kinder. Je nach Alter und malerischen Fähigkeiten zeichneten sie Smiley-Gesichter, Schiffe, Dänemark-Flaggen, Fußball-Motive, Möwen oder Meerlandschaften auf kleine Steine.

Verkaufsstand am Straßenrand

Ein Verkaufsstand faszinierte meinen älteren Sohn besonders: Am ersten Tag lagen neben dem als Kasse dienenden Marmeladenglas bunt bemalte, runde und ovale Steine. Schon da fragte sich mein Sohn, wer die wohl kaufen würde, denn sie hatten kein Motiv, sondern waren nur einfarbig bemalt. Am darauffolgenden Morgen hatte sich das Angebot schon erheblich vergrößert. Nun gab es nicht nur rote, gelbe und blaue zu je zwei Kronen, sondern noch einen Eimer voll Steine, wie sie die Natur erschaffen hat. Das Stück kostete 50 Øre. Mein Sohn schaute sich die einzelnen Exemplare genau an: „Das gibt‘s doch nicht. Die wurden hier einfach am Weg aufgesammelt! Ist das blöd. Das kauft doch niemand!“ Von da an patrouillierten meine Jungs regelmäßig zu diesem Stand, um zu kontrollieren, ob dieses Verkaufsmodell zur Taschengeldaufbesserung taugte. Da nie Münzen in der Kasse waren und bemalte wie unbemalte Steine bei Wind und Wetter verweist am Straßenrand lagen, war das vermutlich aber nicht der Fall.

Ein trauriges Ende

Erst an unserem letzten Morgen in Dänemark hatte sich etwas verändert: Ein Autofahrer hatte offenbar mit zu  großem Schwung die Kurve genommen und war über den Verkaufsstand gefahren. Bei aller Kritik an dem Versuch, schlichte Kiesel zu Geld zu machen, so ein Ende hatten meine Kinder dem kleinen Geschäft  nicht gewünscht. Entsetzt betrachteten sie die Reste des Eimers und die im Gras verstreuten Steine: „Da ist jetzt bestimmt jemand traurig. Hätte der Autofahrer nicht besser aufpassen können?“

“Ich finde unbemalte Steine viel schöner!”

Selbst in das Geschäft mit den bemalten Steinen einzusteigen, hatten meine Jungs übrigens zu Beginn des Urlaubs nach einer raschen Kalkulation verworfen. Rechnete man den Einkaufspreis der Stifte im örtlichen Touristenshop gegen die zu erwartenden Einnahmen (Mama und Papa kaufen jeweils ein Kunstwerk) und kalkulierte noch das große Angebot und den zeitlichen Aufwand mit ein, dann sah das ganze nach einem riesigen Verlustgeschäft aus. „Und überhaupt“, beendete mein jüngerer Sohn schließlich die Diskussion, „finde ich unbemalte Steine viel schöner!“

 

Foto: Nicole Hein

Nicole Hein

Nicole Hein ist freie Journalistin und Autorin mit den Schwerpunkten Gesundheit, Steuern, Lebensart & Wohnen.

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