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Smartphone freie Zone

Wenn Teenager ohne Smartphone eine Reise machen, ist das neuerdings eine Nachricht wert. Jedenfalls titelte der NDR vergangenen Mittwoch „Klassenfahrt ohne Handy – Schüler ziehen positive Bilanz“. Bei den Schülern handelt es sich um Neuntklässler einer norddeutschen Stadt mit rund 34.500 Einwohnern. Dass die Kids sich für eine längere Zeit von ihren Geräten trennen konnten und die Eltern und Lehrer sich sogar noch einig darüber waren, finde ich in der Tat erwähnenswert. Als mein Kind in der 5. Klasse nach Norderney gefahren ist, erklärten die Lehrerinnen einstimmig, dass sie Smartphones im Gepäck weder verbieten noch einkassieren könnten. Wegen der Gesetzeslage. Angeblich hätte ein Vater, der zufällig Jurist gewesen war, bei einer ähnlichen Situation versucht, die Schule rechtlich zu belangen.

Aufgrund dieser Geschichte in einer anderen Klasse haben wir Eltern beschlossen, unsere Sprösslinge ohne Smartphone in den Bus zu setzen – was tatsächlich mehr oder weniger erfolgreich funktioniert hat. Und da handelte es sich um 10-jährige. 15-jährige Neuntklässler sind noch einmal ganz anders auf den kleinen Bildschirm fixiert: Die Mädchen machen während des Wirtschaftsunterrichts ein Selfie für BeReal, die Jungen gönnen sich während der Englischstunde Instagram-Reels und die Schultoiletten dienen als Drehort für neueste TikTok-Challenges.

Digital Detox auf Klassenfahrt

Aber mal ehrlich, wie sehr haben sich Smartphones schon in unser Leben verkrallt, wenn die Fahrt einer x-belieben Kleinstadtschulen-Klasse ohne Datenkrake Nachrichtenwert hat? Und das auch noch überregional und nicht nur in der Schülerzeitung oder vielleicht noch in der lokalen Presse. Da es sich weder um eine prominente Klasse handelt, noch die geographische oder kulturelle Nähe gegeben ist und die Nachricht nicht besonders kurios ist, können die Redakteure des NDR, des Hamburger Abendblatts, des Spiegels, der TAZ und bestimmt noch weiterer Medien nur die Sensation darin gesehen haben. Und die schnell recherchierte Geschichte. Denn bekanntlich ist die Zeit kostbarer als jemals zuvor in den Verlagshäusern. Eine kleine Recherche zeigte nämlich, dass die sensationelle Digital-Detox-Story der Ski-Fahrt von einer Public-Relations-Agentur ausgebrütet wurde – und dass die Kids auch nicht ohne Smartphones gefahren sind, sondern die Geräte lediglich von den Lehrern aufbewahrt wurden. Täglich von 21 bis 22 Uhr gab es die Handys zurück. Bei mir bleibt da nur eine Frage offen: Was haben die Lehrer eigentlich mit ihren Smartphones gemacht?

Foto: Nicole Hein

Nicole Hein ist freie Journalistin und Autorin mit den Schwerpunkten Gesundheit, Steuern, Lebensart & Wohnen.