Der strenge Winter als Inbegriff des Lebensfeindlichen und Tödlichen? Kennen wir hier…

Wer Schamane werden will, kann auf ein reichhaltiges Angebot an Workshops und Wochenendseminaren sowie auf allerlei Utensilien zur Ausführung schamanistischer Rituale zurückgreifen. Doch kann man das so einfach – Schamane werden? Traditionelles Schamanentum wurzelt in alten steinzeitlichen Kulturen und reicht in letzten Restbeständen bis in die Gegenwart.
Traditionelle und heutige Schamanen
Der Schamane eines Stammes hatte die Aufgabe, den Rat der Ahnen einzuholen. Etwa vor wichtigen Entscheidungen, bei Krankheiten und allem, was das Schicksal des Stammes betrifft. Über Generationen tradierte Rituale, bei denen Räucherwerk, Drogen, ekstatisches Trommeln und Tänze eine Rolle spielen können, versetzten den Schamanen in einen Zustand der Trance. So begann seine Reise zu den Ahnen.
Wer als Angehöriger der globalen westlichen Zivilisation heute glaubt, schamanische Rituale auszuführen, imitiert oder simuliert lediglich Handlungen, ohne sie zu verstehen. Man könnte von einem Wellness-Schamanismus sprechen: Man verräuchert ein paar wohlriechende Kräuter, trommelt sich in Trance und wirft womöglich auch bewusstseinserweiternde Substanzen ein – das mag zu außergewöhnlichen Erfahrungen führen, mit dem traditionellen Verständnis hat das nichts zu tun.
Im traditionellen Schamanentum entschied man sich nicht, Schamane zu werden – man wurde berufen. Oft waren bereits die Vorfahren Schamanen gewesen, Familientradition spielte also eine Rolle. Schamane zu werden war ein Los. Und nicht selten traf das Los Menschen, die bereits in ihrer Kindheit auffielen, etwa durch Krankheiten. Die Lehrzeit eines Schamanen war nicht in Wochenendkursen zu messen, sie dauerte Jahre.
Traditionelle Schamanen waren keine Wellnessanbieter
Auch war das ursprüngliche Schamanentum fern von jedem Gedanken an Wellness und Hygge. Schamane zu sein war eine schwere Bürde, eine erdrückende Last, ein Schicksal. An den traditionellen Ritualen war nichts Beliebiges. Vor allem waren sie an den Ort, an die Landschaft gebunden, in denen der Stamm seit Generationen lebte. Nur dort nämlich konnten die Ahnengeister erreicht werden. Das Entscheidende sind immer die Wurzeln. Ohne lebendige Wurzeln kein Schamanentum.
Der heutige Besucher von Schamanismusworkshops ist als Angehöriger einer globalen Zivilisation entwurzelt. Er versteht sich als Weltbürger, seine Herkunft interessiert ihn meist nicht sonderlich. Heute lebt er hier, morgen dort. Wahrscheinlich leidet er an einem spirituellen Mangel (sprich: an einem Mangel an Lebenssinn) und hofft, dem Mangel mit schamanistischen Praktiken abhelfen zu können. Da ihm die anderen weltanschaulichen Angebote nicht behagen (oder er schon mit ihnen durch ist), entscheidet er sich nun, es einmal mit dem Schamanismus zu probieren. Zumal es dort ja auch nicht nur um Ahnengeister geht, sondern auch um Mutter Erde und Vater Himmel.
Wer keine Wurzeln hat, kann kein Schamane sein
Die Verbindung des westlichen Sinnsuchers zu Vater Himmel und Mutter Erde ist die eines global denkenden Menschen: Es ist DIE universale Erde, DER universale Himmel. Im traditionellen Verständnis mit seiner Ortgebundenheit ging es immer um etwas Konkretes: Es ging immer um DIESEN einen Berg, DIESEN besonderen Fluss, DIESEN speziellen See, DIESEN einmaligen Baum. Nicht um irgendeinen Berg, Fluss und Baum. Und schon gar nicht um ein Abstraktum wie „die Erde“ oder „das Universum“.
Erheblich zur Entwurzelung beigetragen hat das Christentum. 1.200 Jahre Christentum lasten auf unseren mittel- und nordeuropäischen Seelen. Die christlichen Glaubenssätze stammen aus den an den östlichen Mittelmeerraum angrenzenden Wüstengebieten. Ahnengeister gelten im Christentum eher als Dämonen.
Wer heute versucht, sich mit dem alten Schamanentum zu verbinden, steht vor einer schier ausweglosen Aufgabe: Die Wurzeln sind längst gekappt, dem Ort unserer Herkunft sind wir ebenso entfremdet wie unseren Vorfahren. Es gibt keine lebendige Tradition. Freilich kann man versuchen, der verloren gegangenen Tradition nachzuspüren, man kann versuchen, Anschluss zu finden, neues Leben aus den Ruinen entstehen zu lassen. Einfach ist das nicht. Kluge Gedanken zu diesem Thema findet man in Wolf-Dieter Storls sehr lesenswertem Buch „Unsere Wurzeln entdecken: Ursprung und Weg des Menschen“.
Schamanismus-Seminare gleichen dem Cargo-Kult
Das Hantieren unserer Sinnsucher mit Trommel, Räucherwerk und Droge gleicht dem melanesischen Cargo-Kult: Die Eingeborenen hatten im zweiten Weltkrieg erlebt, wie die bei ihnen stationierten US-Soldaten aus der Luft mit allerlei begehrenswerten Gütern versorgt wurden: mit Zelten, mit Werkzeugen und Lebensmitteln. Die Eingeborenen bekamen sicher ihren Teil vom Cargo-Segen ab und schrieben den ungewohnten Überfluss dem Wirken ihrer Ahnengeister zu.
Nach dem Abzug der Soldaten blieb auch die Luftfracht aus. Es entstand der Cargo-Kult: Die Eingeboren imitierten die Handlungen, die sie bei den Soldaten beobachtet hatten, sie bauten Landebahnen, sie simulierten Flugzeuglandungen, bauten sich Kopfhörer aus Schalen der Kokosnüsse – und erreichten doch nichts: Kein Cargo kam mehr vom Himmel. Gleichen die westlichen Sinnsucher, wenn sie sich schamanistischer Rituale in Hoffnung auf einen jäh eintretenden Lebenssinn bedienen, nicht jenen Eingeborenen?
Foto: Lutz Meyer