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Büronudel
von Inge Klatt

Über ein Jahr war nun vergangen, seit mein Mann Hans-Joachim und ich von Hamburg nach Stade gezogen waren und wir hatten es keine Sekunde bereut. Wir fühlten uns hier pudelwohl und auch schon recht heimisch.

Leider hatte ich mir meinen Job etwas anders vorgestellt und die Firma gewechselt. Jetzt war ich als Buchhalterin bei einer Firma beschäftigt, die Maschinenteile verkaufte und Geräte reparierte. Außerdem gehörte auch noch eine Holzabteilung dazu. Das Gebäude war ebenerdig und sehr langgestreckt, es beherbergte die Reparaturabteilung und daran anschließend ein Ladengeschäft, von dem unser großes Büro mit mehreren Angestellten abging. Getrennt voneinander war es mit einer Tür, in der sich in der oberen Hälfte ein Glasfenster befand, mehrere Fenster sorgten für ausgiebige Lichtverhältnisse. Ein Raum, in dem man sich richtig wohl fühlen konnte. Was für mich außerdem noch wichtig war, es lag mitten in der Stadt und war für mich gut erreichbar.

Ich war bereits ein halbes Jahr dort tätig und in dieser Zeit hatte sich ein sehr gutes Verhältnis zu meinen Arbeitskollegen und Kolleginnen entwickelt. Die Arbeit machte Spaß und es wurde auch viel gelacht. Eigentlich war es perfekt. Unser Chef war ein gerechter Mann, allerdings schnell erregbar und dann zuckte er mit der linken Schulter auf und ab, oder vielleicht auch hin und her, so ganz war es nicht definierbar.

Kann sein, dass ich für ihn oft vielleicht etwas zu lebhaft war, aber gesagt hat er es nie, denn die Arbeit wurde immer zu seiner Zufriedenheit ausgeführt und das
zählte bei ihm. Eines Tages gingen bei mir wieder einmal die Pferde durch. Hans-Joachim, mein Mann, war jetzt beim Wasserzoll als Schiffsführer tätig, davor aber jahrelang zur See gefahren. Seine schönste Fahrenszeit hatte er wohl, nach seinen Berichten zufolge, auf Kuba verbracht. Er war zu der Zeit noch sehr jung gewesen und hatte sich dort bei Landgängen wohl auch ganz schön ausgetobt. In dieser Zeit war das Lied „Coconut Women, Miss Cullinauke“ von Harry Belafonte offenbar ganz aktuell gewesen, jedenfalls hatte er es auf Kuba zuerst gehört und war davon so begeistert , dass er es mir, viele Jahre später, vorsang.

Obwohl ich nie auf Kuba gewesen bin, begeisterte mich der Rhythmus und das Lied ebenfalls und zwar so sehr, dass ich meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auch in den Genuss kommen ließ. Voll aufgedreht sang ich ihnen dieses Lied vor und machte dazu Verrenkungen, die ich für Kreationen aus der Karibik hielt. Abwechselnd schmiss ich meine Beine durch die Luft, dann wieder krümmte ich mich zusammen, als hätte ich Koliken. Meine Kolleginnen waren entzückt. Das war eine Life-Darbietung, wie man sie nicht alle Tage sah.
„Oh, Frau Klatt“, rief eine Kollegin, japsend nach Luft ringend, „können Sie es bitte noch einmal vorführen? Ich glaube Frau Meier hat es nicht so richtig mitbekommen.“
Wieso das denn nicht? Meine Darbietung und mein Gegröle waren doch eigentlich nicht zu übersehen gewesen. Ach so, jetzt verstand ich es. Sie hatte versucht zu telefonieren.

Da sie eine sehr nette und umgängliche Frau war, erklärte ich mich gern dazu bereit. Ich war jetzt so richtig in Fahrt und überbot mich selbst. Alles, was an Talent in mir „schlummerte“, holte ich aus mir heraus. Meine Verrenkungen nahmen so abstrakte Ausmaße an, dass ich eigentlich selbst nicht mehr richtig wusste, wo sich Arme und Beine befanden.

Es war ein voller Erfolg!

Aber peinlicher Weise war es nicht nur bei meinen Kolleginnen und Kollegen der Fall, denn alle anwesenden Kunden drängten sich inzwischen an der Glasscheibe der Tür, um sich ja nichts von dieser unerwarteten Darbietung entgehen zu lassen, die da gratis zu ihrem Einkauf geboten wurde. Meine Kollegin, die mich aufgefordert hatte, meine Vorführung noch einmal zu wiederholen, hatte es schon vorher bemerkt, dass sich dort die Gesichter an der Scheibe drängten, um sich dieses ungewöhnliche Schauspiel anzusehen, das hatte dieses kleine Ungeheuer dazu animiert, mich um eine Zugabe zu bitten.

Wieder in die Wirklichkeit zurückgekehrt, ließ ich mich zu Tode erschrocken, beschämt auf meinen Stuhl sinken. Keine Minute zu früh, wie sich herausstellte, denn durch den ganzen Tumult aufgeschreckt, eilte nun mein Chef den langen Flur zu unserem Büro entlang. Seine Schulter zuckte wild, wie nie zuvor, in unkontrolliertem Maß, hin und her und seine Augen rollten nicht minder aufgeregt durch die Gegend.

Ja, da hatte er Einiges verpasst, denn inzwischen saßen wir alle wieder brav und züchtig, wie es sich für Büromenschen gehört, an unseren Plätzen.
Ich glaube auch nicht, dass ich dafür eine Gehaltserhöhung bekommen hätte.

Die Show war zu Ende!

 

 

Inge Klatt

Inge Klatt ist Gastautorin. Sie wurde 1932 in Hamburg geboren und lebte in ihrer Kindheit im Stadtteil Hammerbrook. Nach Kriegsende besuchte sie von 1947-1949 die Handelsschule. Mit 30 Jahren heiratete sie einen Nautiker und damit begann eigentlich auch schon ihr abenteuerliches Eheleben. Seit 1971 lebt sie mit ihrem Mann in Stade, was zu ihrer zweiten Heimat wurde. Später im Rentenalter kauften die beiden sich einen Wohnwagen und fuhren damit quer durch Europa. Mit dem Schreiben hat Inge erst sehr spät angefangen und kann nun gar nicht mehr damit aufhören.

 

 

 

 

 

Fotos: Titelbild: Lutz Meyer / Inge Klatt: privat

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