
Als gelegentlicher Leser des Landwirtschaftlichen Wochenblatts stoße ich immer wieder auf Dinge, die mir seltsam vorkommen. So auch angesichts der Juni-Ausgabe. Dort wird die Frage erörtert, ob man auch den gesammelten Urin einer ländlichen Festlichkeit (genannt wurden 3 Kubikmeter, vermutlich der Ertrag eines Schützenfestes) als Gülle auf dem Acker ausbringen dürfe. Die Antwort des zuständigen Referenten für Düngefachrecht bei der Landwirtschaftskammer hat mich ins Grübeln gebracht. Offenbar gibt es feine Unterschiede.
Mensch und Tier
Die Antwort ist: Nein, darf man nicht. Begründet wird dies damit, dass menschliche Fäkalien zu viele Krankheitserreger und Medikamentenrückstände enthalten. Das überrascht mich insofern, als Tiere zumal aus der üblichen Massentierhaltung sicherlich keine Musterbeispiele für Tiergesundheit sind. Sie sind Ausscheider von Krankheitserregern und von Medikamentenrückständen – ganz wie der Mensch. Auf dem Land war es früher durchaus üblich, auch menschliche Ausscheidungen als Dünger zu verwenden. Im großen Maßstab geschah dies etwa in Münster: Die dortigen Rieselfelder nahmen bis in die 60er oder 70er Jahre die Ausscheidungen einer Großstadt auf. Sie wurden gern zu Düngezwecken auf den umliegenden Äckern eingesetzt und sorgten für üppige Erträge.
Antimikrobielle Wirkstoffe
Eine kurze Anfrage bei einer KI ergab, dass der Einsatz von Tierarzneimitteln insgesamt rückläufig ist, aber im Jahr 2024 allein an antimikrobiellen Wirkstoffen immer noch mit 507 Tonnen Gesamtgewicht zu Buche schlägt. Was eine respektable Menge ist, wenn man berücksichtigt, dass die einzelne Medikamentengabe sich im Milligramm- oder unteren Grammbereich bewegen dürfte.
Die in der Landwirtschaft eingesetzten Antibiotika sorgen bekanntlich für zunehmende Resistenzen, die auch die Wirkung von Antibiotika in der Humanmedizin dramatisch verringern.
Schmerzmittel werden in der landwirtschaftlichen Tierhaltung ebenfalls eingesetzt zur Behandlung von akuten Entzündungen, Verletzungen oder bei medizinischen Eingriffen.
Auch Wachstumshormone dürften – trotz Verbot in der EU seit 1988 mit Ausnahme des sogenannten Fruchtbarkeitsmanagements – mmer noch eine Rolle spielen. Zeit ist bekanntlich Geld. Und je schneller das Tier das gewünschte Gewicht erreicht, desto besser. Dass der Einsatz von Wachstumshormonen zur Leistungssteigerung illegal ist, dürfte eine untergeordnete Rolle spielen.
Feine Unterschiede
Natürlich ist es so, dass in der Humanmedizin Medikamente in einem größeren Spektrum eingesetzt werden. Mir wäre beispielsweise nicht bekannt, dass Schweine, Rinder oder Hühner beispielsweise Cholesterin- oder Blutdrucksenker, Psychopharmaka oder onkologische Präparate verabreicht bekämen. Aber es wird wiederum auch nicht jeder Mensch mit Medikamenten behandelt. Die feinen Unterscheide zwischen menschlichem und tierischem Urin erschließen sich also nicht so ganz. Mir scheint, dass mit der Antwort des Fachreferenten eher von der doch erheblichen Belastung tierischer Ausscheidungen durch Arzneimittelrückstände abgelenkt werden soll.
Foto: Lutz Meyer