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Die Seele

Während die digitale Transformation und ihre Entstehung unzweifelhaft der Gegenwart zuzuordnen sind, ist die Seele das genaue Gegenteil. Die Seele ist so alt wie der Mensch selbst. Möglicherweise noch viel älter, je nachdem, wie man Seele denkt und wo man sie verortet. Existiert so etwas wie Seele außerhalb des Menschen oder ist sie eher eine menschliche Eigenschaft? Was genau die Seele ist, weiß eigentlich niemand. Die heutige Psychologie lehnt die Seele als substanzielle Erscheinung ab. Seele ist aus Sicht der modernen Naturwissenschaft und Psychologie eine altertümliche Bezeichnung für das Zentralnervensystem. Psyche besteht folglich aus Zuständen ihrer Dysfunktion. Dysfunktionale Zustände aber sind therapierbar.

Annäherung an die Seele

In allen alten Religionen ist die Seele etwas, was das Leben überhaupt erst zu etwas Besonderem macht und sogar den Tod überdauert. Die Seele kann sich mit den Ahnengeistern in Verbindung setzen, auch mit Tier- und Pflanzengeistern. Wewnn etwas zwei Menschen mehr miteinander verbindet als jede Äußerlichkeit, ist es die Seele. Sie vermag sich dem Göttlichen nähern und durch Raum und Zeit reisen. Manche Menschen glauben, dass die Seele nach dem Tod eines Menschen vor den Totenrichter tritt – sie überlebt also den Tod. Das, was wir Seele nennen, ist etwas sehr Großes, auch wenn sie nirgendwo im Körper greifbar zu scheint wie etwa die Leber, das Herz oder das Gehirn. Ein Organ ist die Seele nicht – jedenfalls kein Organ im herkömmlichen Sinne. Was ist sie dann?

Psyche

Heraklit, einer der alten Philosophen, wusste, dass man der Seele Grenzen niemals erwandern kann, selbst wenn man alle Wege ginge – so tiefen Grund habe sie. Unerschöpflich ist sie und kaum zu fassen

Noch davor, im griechischen Mythos, war Psyche, die Seele, eine Sterbliche, die sich in Eros verliebte, den allgegenwärtigen Gott der Liebe und der schicksalhaften Anziehung. Das wiederum missfiel der Aphrodite, der Mutter des Eros, Göttin der Schönheit und der Liebe. Sie stellte Psyche Aufgaben, an denen eine Sterbliche nur scheitern konnte: Besuche in der Unterwelt zum Beispiel. Psyche musste Wasser aus dem Styx, dem Totenfluss, schöpfen. Und der Persephone, der Göttin der Unterwelt und Gemahlin des Hades, sollte sie eine Schönheitstinktur rauben. Doch mithilfe freundlicher Unterstützung anderer göttlicher Wesenheiten gelang es Psyche, alle Aufgaben zu erfüllen. Sie und Eros wurden ein Paar und Psyche durfte vom Nektar der Götter trinken, woraufhin auch sie unsterblich wurde.  Die Seele vermag es also, in die tiefsten Abgründe hinabzusteigen. Und sie wandelt sich von der Sterblichkeit zur Unsterblichkeit.

Pneuma, Anima

Darüber hinaus gab es bei den alten Griechen noch einen anderen Seelenbegriff: Pneuma, eigentlich der Atem, die Luft, der Hauch, aber nicht nur die Luft zum Atmen, sondern der Weltatem, der kosmische Atem, der Atem des Universums, die universale Seele. Alles Leben ist vom Welthauch belebt und beseelt. Bei den Römern gab es die lateinische Entsprechung anima. Auch anima meint Atem, Hauch, Seele – und auch das Belebte, wie es im Wort animalisch anklingt. Oder auch im Animismus – dem Glauben an die Beseeltheit der Natur im Ganzen. Diesen Glauben schreibt man den sogenannten primitiven Religionen zu. Für die Buchreligionen ist die Natur eher ein Sitz des Profanen und Bösen, weil Gott im Jenseits thront. Die Seele als Pneuma oder Anima ist der Atem der Welt und als solcher das Belebende – sie ist also nicht auf ein menschliches oder tierisches Individuum beschränkt, sondern durchwebt das Universum.

Anima und Animus

Bei Carl Gustav Jung schließlich, einem der Väter moderner Psychoanalyse, zeigt sich, dass es zwei Seelen gibt: eine männliche und eine weibliche, animus und anima. Anima, die weibliche Seele, ist auch in der männlichen Seele präsent. Animus, die männliche Seele, wirkt in der Seele der Frau. Beide gehören zu den Archetypen des kollektiv Unbewussten. Das unbewusst Weibliche im Mann steht für Gefühle, Stimmungen, Intuition und Beziehungsfähigkeit. Anima zeigt sich oft in plötzlichen Launen oder der Projektion auf reale Frauen – das nennen wir dann Verliebtheit. Anima dient als Seelenführerin zur inneren Tiefe. Animus ist das unbewusste männliche Seelenbild der Frau und steht für Geistigkeit, logisches Denken und Überzeugungskraft. Animus in der weiblichen Seele äußert sich bei unbewusster Präsenz oft in unumstößlichen, dogmatischen Meinungen oder in der Projektion auf starke Männer. Animus dient als innerer Geist der weiblichen Seele.

Ziel für die Frau wie für den Mann ist es, sich dieser jeweils unbewussten Anteile bewusst zu werden, sie anzunehmen und nicht mehr unreflektiert auf andere Menschen zu projizieren. Die Auseinandersetzung mit Anima und Animus ist zentral für die persönliche Reifung und das Finden des inneren Gleichgewichts. Alles, was das Miteinander von Frau und Mann so spannend, aber gelegentlich auch herausfordernd macht, hat seine Ursache in der Komplexität der Seele: sie hat männliche und weibliche Anteile.

Seele im technischen Zeitalter: Erste Befunde

Im 20. Jahrhundert, als das technologische Zeitalter sich in voller Dramatik zu entfalten begann, dachten Philosophen darüber nach, welchen Einfluss die Technik auf die Seele hat – man näherte sich endlich unserem Thema. Einer dieser Philosophen war Arnold Gehlen.

In seinem Werk „Die Seele im technischen Zeitalter“ (aus dem Jahr 1957, also lange vor der Digitalisierung, dennoch grundlegend) beschreibt Arnold Gehlen, wie die moderne Industrie und Technik das Seelenleben, Denken und Verhalten des Menschen tiefgreifend verändern, rationalisieren und anonymer machen. Folgende Aspekte heben wir für unsere Zwecke hervor:

  • Technik nimmt dem Menschen körperliche und geistige Arbeit ab, zwingt ihn aber im Gegenzug dazu, sich den starren Abläufen der Maschinen anzupassen.
  • Da feste Bindungen schwinden, zieht sich der Mensch in sein Inneres zurück; dies führt zu einer gesteigerten Empfindsamkeit und ständiger Selbstbeobachtung.
  • Der Mensch funktioniert vor allem noch als Rädchen im Getriebe, wodurch Gefühle und Kultur in standardisierte, austauschbare Bahnen gelenkt werden.

Spätestens mit Beginn des 20. Jahrhunderts gerät die Seele ins Visier der technischen Zivilisation. Die Seele als Hort des Menschlichen wird angegriffen.

Ein Kampf auf vielen Feldern

Die digitale Transformation wirkt wie ein Gegenentwurf zur Seele: Wo die Seele, unendlich tief, unergründlich, lebendig und belebend ist, zielt die digitale Transformation auf Transparenz. Transparenz aber bedeutet totale Kontrolle und Steuerung nach Maßgabe technokratischer Herrschaft.  Die digitale Transformation als Angriff auf die Seele wirkt wie ein Endkampf zwischen Böse und Gut, Titanen und Göttern, Tod und Leben. Das ist Ragnarök: der Untergang der alten Welt nach menschlichem Maß droht.

Der Kampf findet auf unterschiedlichen Feldern statt. Zum Beispiel dort, wo Spiele nur noch digital sind, das menschliche Gegenüber nur noch ein ausführender Faktor des Digitalen ist und Geräte bedient. Oder dort, wo Musik elektronisch komponiert, wo Texte von einer KI geschrieben, wo Social-Media-Kontakte echte Freundschaften verdrängen. Selbst die Anbahnung von Beziehungen geschieht heute oft über Algorithmen: die App wählt aus, schlägt vor. Das könnte künftig, wenn die App auch Gesundheitsdaten einbezieht, noch verfeinert werden. Das Digitale vernichtet Sinnlichkeit, Anstrengung, Wachstum und Leben.

Digital-Zombies

Besonders dramatisch ist, dass wir uns selbst sedieren und zu Digital-Zombies werden: Stundenlang scrollen Menschen durch Social-Media-Inhalte. Von einer Message, einer Information, einem Bildchen oder Video zum nächsten. Unentwegt. Was Heraklit über die Seele sagte – dass sie unendlich sei, und niemand ihre Grenzen erwandern könne –, gilt auch für das Digitale. Niemand wird je auch nur einen Bruchteil alles Gespeicherten durchlesen, anhören oder ansehen können. Und doch verbringen Menschen einen Großteil ihrer Zeit mit dem Konsum digitaler Medien.

Das Leben entweicht nach und nach aus ihnen. Hirnfäule setzt ein. Der TV-Konsum im letzten Jahrhundert war gegenüber der Informationsflut und dem Unterhaltungsterror unserer Tage ein kleines, harmloses Vorspiel. Es entsteht alle Sucht. Sucht zieht immer Verfall nach sich. Geistig, seelisch, körperlich, sozial, wirtschaftlich. Aber dafür gibt es ja Psychologen. Sie sollen helfen, Menschen von ihrer Sucht zu befreien. Doch die moderne Psychologie ist längst ein Teil der digitalen Transformation. Sie möchte die Seele zu etwas Ausrechenbarem und Steuerbarem machen.

Entzug als Angriff: Die Seele wehrt sich

Das Digitale hat aber einen entscheidenden Schwachpunkt: Es will die totale Transparenz, die totale Berechenbarkeit, die totale Kontrolle und Steuerung. Dazu müsste aber alles fixierbar sein. So wie eine Landschaft, deren Bodenschätze bis aufs Letzte ausgebeutet werden können, sobald man alles vermessen, verplant und verziffert hat.

Die Seele aber entzieht sich dem als das schlechthin nicht Greifbare, nicht Fixierbare, als das Dunkle. Wenn sie ein Hauch ist, wenn sie Luft ist: Wie will man sie packen? Wenn ihre Grenzen nicht erwandert werden können: Wie will man sie eingrenzen? Jeder Griff des Digitalen auf die Seele greift ins Leere.

Will die Seele das Menschsein erhalten, will sie die drohende Herrschaft der digitalen Transformation aufhalten, muss sie sich entziehen, ihr Dunkles bewahren, sich in den alten Bereichen des Menschseins behaupten. Das heißt, dass sie dem Digitalen Grenzen setzen muss: Das Digitale darf bestimmte Räume des Menschlichen nicht betreten. Es darf weder Denken noch Fühlen, weder Kunst und Schöpfergeist, noch gar die Liebe berühren.

 

Foto: Lutz Meyer

Lutz Meyer ist Philosoph und Autor. Sein wichtigstes Thema: die Lebenskunst. Mehr hierzu auf besser-mit-kunst.de Auch interessant: wort-und-bogen-de