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In fast jeder Wohnung findet sich ein kleiner Hausaltar – eine Art Schrein, in dem Dinge verwahrt werden, die meist keinen besonderen materiellen Wert darstellen, aber in den Augen ihres Besitzers der Aufbewahrung und besonderen Präsentation für würdig erachtet werden. Neben Bildern von Freunden oder Angehörigen stößt man hier vielleicht auf Steine, Muscheln, Glücksbringer, Postkarten, eine Urkunde oder eine Medaille, eine alte Münze oder eine getrocknete Blume, ein Kinderspielzeug oder einen Weinkorken, der an einen längst vergangenen Abend erinnern mag.

Was da aufbewahrt wird, verbindet den Besitzer nicht nur auf seltsame Weise mit etwas Vergangenem oder erinnert an etwas räumlich Entferntes, sondern kann auch auf etwas verweisen, das über das individuelle Dasein hinausreicht, auf überzeitliche Zusammenhänge. Etwa eine kleine Götterfigur aus längst vergangener Zeit: Wie war der Kosmos der Menschen geordnet, die diesen Gott verehrten? Was war ihr Antrieb, ihre Hoffnung? Derlei findet sich selbst in säkularen Haushalten, ist dort aber in der Regel mehr als ein bloßes Kuriosum, aufgefischt aus dem Strom der Zeit.

Wollte man das dort ausgestellte Sammelsurium kategorisieren, fiele einem sofort das Wort „Andenken“ ein. Sofern man damit nur ein Urlaubssouvenir meint, greift der Begriff zu kurz. Versteht man Andenken aber als Verb – also als aktives „an etwas denken“ erschließt der Begriff die Ebene, die hier stets mit im Raum steht: Der Weinkorken lässt einen Abend vor zehn Jahren wiederauferstehen, an dem man einen besonderen Menschen kennenlernte.  Dieser Mensch ist vielleicht gerade abwesend oder gar tot, doch im Andenken lebt er und ist höchst gegenwärtig. Der Bernstein ruft den stürmischen Tag an der dänischen Nordseeküste in Erinnerung: Im Andenken spürt man noch die salzige Luft auf den Lippen, hört das Rauschen der Brandung und erlebt den Glücksmoment des Findens noch einmal.

Die hier verwahrten Gegenstände transzendieren die Zeit, durchbrechen Zeitmauern, lassen mich mühelos von einem Zeitraum in den anderen treten. Die sinnlich greifbare Präsenz eines Gegenstandes erschließt nicht nur raumzeitliche Tiefenschichten, sondern auch die Persönlichkeit, die diese Dinge hortet.

Ansichten privater Schreine zu sammeln wäre eine schöne Aufgabe. Unbedingt vormerken für später mal.

Foto: Lutz Meyer

Lutz Meyer

Lutz Meyer ist Texter und Autor. Schwerpunktthemen sind Gesundheit, Bauen und Philosophie.

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