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Derzeit deuten viele Zeichen in Richtung Kriegsvorbereitung. Deshalb ein paar Gedanken zur Wehrpflicht. Sie sind für mich nicht neu, denn anno 1980 habe ich selbst den Wehr- bzw. Kriegsdienst verweigert. Anerkannt wurde ich damals erst in der dritten Runde (vor dem Oberlandesgericht), weil ich in den beiden ersten Runden (vor sogenannten Prüfungskammern) wohl zu wenig Gewissensnöte gezeigt und zu rational argumentiert hatte.

Derzeit ruht die allgemeine Wehrpflicht noch, ihre Wiedereinführung scheint aber beschlossene Sache zu sein. Neben den üblichen Verdächtigen tun sich hier auch die ehedem pazifistisch eingestellten Grünen hervor. Nachdem man lange Zeit die deutsche Nationalfahne von Linksaußen bis hin zu Merkel als lästiges Übel betrachtet hatte, gewinnt sie nun ausgerechnet in jenen Kreisen ihren symbolischen Wert zurück. Ein Schelm, wer Arges dabei denkt.

Nationalstolz, „Unsere Demokratie“ und westliche Werte

Jahrzehntelang wurde den Deutschen eingetrichtert, dass man auf dieses Land wegen seiner Vergangenheit nicht stolz sein könne und dürfe. Nun soll man für dieses Land also zu sterben bereit sein? Stopp, so einfach ist das ja nun auch wieder nicht. Denn nicht für dieses Land soll man sterben – sondern für „Unsere Demokratie“, also jenes im Kern linksautoritäre, auf die neomarxistische Frankfurter Schule zurückgehende Konstrukt, das in den letzten Jahrzehnten alles darangesetzt hat, Deutschland in seiner Substanz zu zerstören (u.a. woke Diversitätsideologie, extreme Förderung der Massenzuwanderung und Islamisierung, Zerstörung der Energiesicherheit, der Familie, des Bildungssystems u.v.a.m.).

Dahinter stehen jene ungefähr gleichlautenden ominösen westlichen Werte, die globale Geltung beanspruchen und deshalb sogar am Hindukusch verteidigt werden mussten. Oder jetzt eben in der Ukraine. Man versucht den Leuten einzureden, dass all das den wahren Kern unserer Identität ausmacht.

Jeder junge Mensch, der demnächst eine Aufforderung zur Musterung oder gar eine Einberufung erhält, sollte darüber nachdenken, für wen und für welche Werte er da wirklich antreten soll. Seine eigenen werden es wohl eher nicht sein.

Verweigern mit Stil

Als ich damals verweigerte, war ich links und sehr pazifistisch gesonnen. Mein Linkssein war nicht parteigebunden, ich fühlte eher anarchistisch. Anarchie als Gesellschaftsform anzusehen, wäre mir jedoch schon damals nie in den Sinn gekommen. Eher ging es mir darum, dass ich niemandem das Recht zusprechen mochte, mir wertvolle Lebenszeit zu klauen. Und schon gar nicht wäre ich bereit gewesen, mich von einem Nichts in Uniform herumkommandieren und abrichten zu lassen. Streng genommen war ich also kein Anarchist, sondern eher ein Anarch im Sinne Max Stirners und Ernst Jüngers. Das war, ohne dass ich die beiden Autoren damals schon gekannt hätte, der wahre Kern meiner Verweigerung. Ich war aber auch so in Fragen der Anthropologie Realist genug, um zu wissen, dass jeder Mensch (zumindest in Extremsituationen) töten kann. Auch ich würde töten können (nicht geplant, aber z.B. im Affekt), wenn man mir oder den Meinen in böser Absicht zu nahe träte.

Ich liebe meine Freiheit. Auch und vor allem die gegenüber dem Staat. An dieser meiner Grundeinsicht hat sich bis heute nichts geändert. Nur gilt so ein ideologie-freier, erfrischender Individualismus heutzutage als rechts.

Ich nahm dann, weil das Anerkennungsverfahren sich in die Länge zog, das Studium der Philosophie auf, entdeckte Martin Heidegger und Ernst Jünger. Ich las sie nicht nur, ich las beide mit Begeisterung im Sinne einer durchdringenden Aneignung. Jünger war bekanntlich seit seinem Erstlingswerk „In Stahlgewittern“ als Kriegsverherrlicher verschrien – und ich als Verweigerer las so etwas ohne Abscheu.

Für mich war und ist das kein Widerspruch. Ernst Jünger meldete sich mit 19 zwar freiwillig zum Kriegseinsatz (und wurde gegen Kriegsende wegen seiner Leistungen sogar mit dem Pour le Mérite ausgezeichnet). Aber er war alles andere als ein Kommisskopp. Jünger war zeitlebens ein Abenteurer, einer, der die Freiheit über alles liebte – und einer, der den Fronteinsatz vor allem als Mittel ansah, der ihn langweilenden bürgerlichen Gesellschaft zu entrinnen (zuvor hatte er noch vor dem Schulabschluss mithilfe der Fremdenlegion versucht, nach Afrika zu entkommen – die Legion sollte ihm lediglich als Transportmittel über das Mittelmeer dienen). Jede Form von Kadavergehorsam war Jünger zuwider. Jeder Ideologie begegnete er mit tiefem Misstrauen. Doch liebte er den Krieg? Wohl kaum. In seinen Aufzeichnungen findet sich die verzweifelte Frage, wann dieser Scheißkrieg denn endlich ein Ende fände.

Ob ich heute erneut verweigern würde? Ja. Sogar noch entschiedener als je zuvor. Ich kann es auch nur jedem anderen raten. Tipp für den Verweigerungsnachwuchs: Jünger lesen. Mit Ernst Jünger zu verweigern bedeutet bewusster, tiefer, konsequenter und origineller zu verweigern. Eine Verweigerung nach Jüngerscher Art würde generell die Vereinnahmung durch jeden Machtanspruch betreffen.

Foto: Lutz Meyer

Lutz Meyer ist Philosoph und Autor. Sein wichtigstes Thema: die Lebenskunst. Mehr hierzu auf besser-mit-kunst.de Auch interessant: wort-und-bogen-de