Politiker gefallen sich darin, die Bürger darauf einzustimmen, dass diese den Gürtel…

So einladend ein Strand im Sommer auch ist – an der Schwelle zum Winter zeigt er ein anderes Gesicht, hart, einsam, verschlossen, abweisend. Das gibt uns eine Ahnung davon, wie der Menschenschlag hier war, bevor es so etwas wie den Ganzjahrestourismus gab.
Wer noch vor gut 100 Jahren sein Ein- und Auskommen an den Gestaden von Nord- und Ostsee finden musste, hatte es nicht leicht. Es blieb einem die Fischerei mit all ihren Unwägbarkeiten und Gefahren, eine meist ärmliche Landwirtschaft (ärmlich vor allem an der jütländischen Nordseeküste – der sandige Boden gab außer für Ziegen und Schafe und später für Kartoffeln wenig her), Handel, sofern es einen geeigneten Hafen gab, vielleicht der Betrieb einer Spelunke, und hier und da wohl auch ein wenig Strandräuberei: Man zündete nächtens Feuer an, um Schiffer in die Irre und zur Strandung zu führen. Darüber hinaus hatten nur der Lehrer und der Pfarrer ein sicheres Einkommen.
Als der Tourismus sich langsam entwickelte, profitierte die Bevölkerung zunächst nur wenig. Für die noch wenigen, meist begüterten Badegäste wurden außerhalb der ärmlichen Siedlungen Badehotels geschaffen, deren Personal aber überwiegend von auswärts kam. Denn man konnte eine ungehobelte Kleinbauerntochter oder einen Fischerspross wohl kaum die Aufwartung der verwöhnten Gäste anvertrauen.
Erst der Massentourismus besserte die Lage der Einheimischen. Unterkünfte, Gastronomie, Unterhaltung, Handel und Verkehr lebten auf, es gab zahlreiche neue Verdienstmöglichkeiten, sofern man sich anpasste oder gar Innovationskraft bewies.
Doch die Lage der Einheimischen blieb schwierig. Je begehrter ein Reiseziel wurde, desto teurer wurde dort alles. Bis die Niedriglohngruppen (Verkäufer, Reinigungspersonal, Gastronomiepersonal usw.) sich das Wohnen vor Ort nicht mehr leisten konnten, so wie es seit Jahren auf Sylt zu beobachten ist. Es könnte die Situation eintreten, dass die vermögenden Gäste ihr Personal wieder selbst mitbringen müssen.
Foto: Lutz Meyer