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verschwundene Schublade

In meiner Wohnung muss ein Loch existieren. Gesehen habe ich es noch nicht, aber es muss da sein. Ich stelle es mir dunkel wie die tiefste Nacht vor und mit einem Durchmesser von mindestens 50 Zentimetern. Früher kann es  kleiner gewesen sein, aber im Laufe der Jahre scheint es deutlich größer geworden zu sein. Bemerkt habe ich das Loch das erste Mal, als ich in Münster gewohnt habe. Mein Sohn war damals klein, nicht mal im Kindergartenalter. Er liebte Autos und besaß mehrere. Genauer gesagt, nicht mehrere, sondern sehr viele. Eins davon war ziemlich groß (größer als diese Matchbox oder Hotwheels-Autos). Wir hatten es im Urlaub am Meer gekauft. Das Kind liebte dieses Auto heiß und innig. Deshalb blieb das Spielzeug normalerweise in der Wohnung. Zur Tagesmutter oder auf den Spielplatz kamen Autos mit, deren potenzieller Verlust durchaus verschmerzbar gewesen wäre.

Angefangen hat es mit dem Lieblingsauto

Dennoch war das Lieblingsauto eines Tages fort. Verschwunden, obwohl wir uns sicher waren, dass es die Wohnung nie verlassen hatte. Wir suchten in der Spielzeugkiste, hinter dem Sofa, unter dem Bett – während das Kind heulte. Aber es blieb unauffindbar. Als wir kurz darauf umzogen, waren wir sicher, dass das Auto beim Ein- und Auspacken auftauchen würde. Doch vergebens. Bis heute ist es weg. Ein ähnliches Schicksal ereilten danach im neuen Haus noch andere Dinge, meistens Spielzeug. Ich habe mir nie etwas dabei gedacht.

Wo ist die Schublade?

Bis ich Ende Herbst erneut umgezogen bin. Wieder war ein Gegenstand verschwunden – und wieder gibt es keine andere Erklärung dafür, außer dass das Loch erneut zugeschlagen hat. Denn nun handelte es sich nicht um ein relativ kleines Spielzeugauto, das möglicherweise ungesehen von uns Eltern in der Jackentasche seinen Weg in den Garten gefunden haben könnte – und nicht wieder zurück in die Wohnung. Dieses Mal war eine Schublade unauffindbar. Es war eine von acht Kleiderschrankschubladen. Sie bestand aus hellem Birkenholzfurnier und war 49 x 46 Zentimeter groß. Zuletzt habe ich sie in meinem Schlafzimmer im alten Haus gesehen – und dann nimmermehr. Im Haus ist sie definitiv nicht geblieben und in der neuen Wohnung ist sie mit Sicherheit nie angekommen. Auch im Umzugswagen kann sie nicht verschollen sein, weil das Umzugsunternehmen sie angeblich trotz intensiver Suche nicht gefunden hat. Zudem waren die Umzugsleute Profis, die am Ende kontrollierend durch das Innere des Wagens gegangen sind. Wochenlang hoffte ich, die Schublade könnte zusammen mit den Umzugskartons, die nicht mehr in die Wohnung gepasst hatten, in der Garage lagern. Aber inzwischen habe ich ich alle Kartons ausgeräumt. Die Schublade war nicht dabei.

Ist das Loch eine Fundgrube?

Folglich kann es nur eine Erklärung geben: das Loch. Anders kann es nicht sein. Manchmal frage ich mich, was ich alles im Loch finden würde, wenn ich reinschauen könnte: meinen kleinen Teddy, der in meiner Schultüte gewesen ist, das Lieblingsauto meines Sohnes, diverse andere Spielzeugautos, Fahrradschlüssel, Kugelschreiber, Häkelnadeln …

Ich stelle mir vor, dass sich das Reinschauen so so anfühlen würde, als würde ich alte, lange nicht mehr gesehene Freunde wieder treffen. Allerdings ist das Loch selbst auch nicht auffindbar. Ich habe in der neuen Wohnung jeden noch so kleinen Winkel nach ihm abgesucht. Dennoch bin ich mir sicher, irgendwo versteckt es sich – und wartet auf eine Gelegenheit, sich genüsslich den nächsten Gegenstand einzuverleiben.

Die Suche nach der Schublade habe ich längst eingestellt und mir eine Ersatzschublade bauen lassen. Sie besitzt zwar einen anderen Griff und hat einen anderen Farbton, aber dafür ist sie deutlich geräumiger als die alte. Und ich sehe sie von meinem Bett aus. Nach dem Motto „sicher ist sicher“ kontrolliere ich jeden Abend und jeden Morgen, ob sie noch an ihrem Platz im Schrank ist.

Foto: Nicole Hein

Nicole Hein ist freie Journalistin und Autorin mit den Schwerpunkten Gesundheit, Steuern, Lebensart & Wohnen.

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