
Das Dorf – was ist das? Nun, eine kleine, ländliche Gemeinde mit bis zu 5.000 Einwohnern. Was zeichnet das Leben auf dem Dorf aus? Nachbarschaftshilfe, jeder kennt jeden, man achtet aufeinander, Ruhe, Frieden, geerdet sein – sozusagen der Gegenentwurf zur Hektik und zu all dem Durcheinander, das aus der großen weiten Welt in unser Leben bricht? Das Dorf als Widerstandsnest wie bei Asterix, das der römischen Weltmacht Paroli bietet? Von dem dann eine Erneuerung der Welt ausgeht? So ähnlich stellt es sich jedenfalls dar, wenn man Michael Beleites folgt, dessen Büchlein „Dorf-Ethos – Für eine bodenständige Moral“ ich gerade las.
Michael Beleites, Landwirt, Gärtner, Autor, einer der wichtigsten Akteure der Umweltbewegung in der ehemaligen DDR, von 2000 bis 2010 sächsischer Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen, gibt mit „Dorf-Ethos“ einen wichtigen Denkanstoß. Er kennt das Dorfleben und das Kleinstädtische aus eigener Anschauung. Sein Buch widmet er den drei Ortschaften, in denen er „dazugehören durfte“: Trebnitz, Oberschwöditz und Blankenstein.
Das Dorf im Osten, das Dorf im Westen
Auch ich kenne das Dorfleben und das Kleinstädtische ein wenig. Ich sehe mich in meinem noch ein klein wenig dörflich geprägten Wohnort in der Nähe Münsters um und reibe mir die Augen. Die von Beleites als widerstandsfähig erkannten Strukturen kann ich nicht erkennen. Ich lebe seit über 30 Jahren in Laer auf dem Lande, habe hier durchaus liebenswürdige und hilfsbereite Menschen angetroffen. Aber widerstandsfähig, geerdet, bodenständig? Bodenständig zu sein behauptet man hier im Münsterland zwar gern von sich, doch scheint mir dieses Selbstbild nicht der Realität zu entsprechen.
Man gibt sich „weltoffen“, stellt vorgegebene Normen und Regeln grundsätzlich nicht infrage. Zu Corona-Zeiten gab es hier wie überall im Münsterland eine hohe Impfquote und eine ausgeprägte Bereitschaft, Ungeimpfte auszugrenzen, man ist seit 2022 strikt antirussisch eingestellt, demonstriert, wann immer dazu aufgerufen wird, brav „gegen rechts“ (was immer man sich darunter vorstellen mag), sieht weder die Massenzuwanderung noch die sogenannte Klimakatastrophe und die aus ihr abgeleitete Energiewende kritisch. Man ist zu einem hohen Grad konformistisch und staatsfromm. Man folgt darin keiner eigenständigen dörflichen Moral, sondern Vorgaben von oben. In den östlichen Dörfern, aus denen Michael Beleites seine Idealisierung des Dorfes ableitet, scheint es anders auszusehen. Man muss also wohl das Dorf Ost vom Dorf West unterscheiden.
Ein trügerisches Ideal
Aber ist – unabhängig von der gegenwärtigen Lage – das Dorf als solches wirklich ein Hort der Widerständigkeit? Ist es das jemals gewesen? Das Dörfliche war schon immer durch provinzielle Enge, nachbarschaftlichen Neid und Missgunst, Borniertheit, Intrigen und zuweilen wohl auch Inzucht gekennzeichnet.
Das „Jeder kennt jeden“ ist im Grunde genommen ein „Jeder beobachtet jeden“ – und nimmt jede Abweichung von der dörflichen Moral sofort als Störung wahr, der umgehend Einhalt zu gebieten ist
Die dörfliche Moral aber ist seit dem Einzug der Massenmedien überrollt worden durch eine öffentliche Moral. Der kanadische Philosoph und Kommunikationstheoretiker Herbert Marshall McLuhan sprach schon in den 1960er Jahren vom „globalen Dorf“ als Folge der flächendeckenden Einführung des Fernsehens. Das Fernsehen aber war im Vergleich zum Internet, das bis in die allerletzten Winkel eindringt, harmlos. Das Dorf heute ist Teil des Worldwide Web.
Wenn nicht das Dorf – was dann?
Die Frage nach einem Ort und Hort echter Erdung, von Widerständigkeit und möglicher Wiedergeburt menschlichen Fühlens und Denkens diesseits einer technokratischen Steuerung stellt sich dringlicher denn je. Das Dorf ist es nach meinem Empfinden nicht.
Der gesuchte Ort ist der Geist, der sich frei von konkreter örtlicher Festlegung überall niederlassen kann – sogar in Städten. Es ist der Geist, der Brücken schlägt von Mensch zu Mensch, der herrschende offizielle Narrative als plumpe Überrumpelungsversuche zurückweist, der Kommendes schaut und aufbaut.
Foto: Lutz Meyer (Vollmond am 1. Februar 2026 über dem Dorf)