Zu meinem kurzen Text über die Hydra vor einigen Tagen erreichten mich…

Kürzlich hatte ich unter dem Gesichtspunkt der Elite Baiae erwähnt, das antike Epstein-Island, Lust-, Orgien- und Vergnügungsstätte der alten Römer. Hier blühten illegales Glücksspiel, Betrug, Erpressung, Verschwörungen, sexuelle Ausschweifungen jeder Art. Nero sah man in Baiae ebenso wie Claudius, Hadrian, Caligula, Markus Antonius und Julius Caesar und mit ihnen zahlreiche Angehörige der damaligen römischen Elite.
Caligula in Baiae
Caligula gilt der Nachwelt bis heute als eines der größten Monster der Antike. Zahlreiche Schandtaten werden ihm nachgesagt – darunter politische Morde, mit äußerster Grausamkeit vollzogen. Auch soll er, wenn ihm langweilig wurde, Zuschauer bei Gladiatorenkämpfen in die Arena geworfen haben. Hinzu kamen finanzielle Verschwendungssucht, der Gottkaiser-Anspruch und – wenigstens gerüchteweise – Inzest. Dass er sein Pferd zum Konsul machte, mag noch als sympathischer Zug durchgehen. Er zeigte damit den mächtigen römischen Konsuln, was er von ihrer Intelligenz hielt.
Für die Vermutung, dass die ihm attestierte Grausamkeit üble Nachrede war, sprechen gerade seine Besuche in Baiae. Immerhin lebte Caligula seine Laster und Lüste, folgt man der offiziellen Version, gänzlich ungeniert öffentlich aus. Wozu dann noch eigens das verruchte Baiae aufsuchen? Caligula ließ eine kilometerlange Schiffsbrücke von Baiae über den Golf von Pozzuoli bis nach Puteoli bauen, um die Bucht hoch zu Ross zu queren. Die Anreisen verliefen also alles andere als diskret.
Morde und Verschwörungen
Baiae erlangte einige Jahre nach Caligula besondere historische Bedeutung, weil Kaiser Nero im Jahr 59 n.Chr. hier seine allzu machtbesessene und intrigante Mutter Julia Agrippina ermorden ließ. Um die böse Tat ins Werk zu setzen, hatte Nero seine Mutter zu einem Festmahl nach Baiae eingeladen. Für die Heimfahrt stellte er ihr ein Schiff zur Verfügung, das dann auf offener See planmäßig kenterte. Julia Agrippina konnte sich zwar schwimmend an die Küste retten. Doch es nützte ihr nichts. Kaum hatte Nero erfahren, dass seine Mutter noch am Leben war, sandte er Attentäter in ihre Villa nahe bei Baiae. Die vollendeten dann das finstere Werk mit dem Dolch.
Julia Agrippina freilich war auch kein Unschuldslamm – einige Jahre zuvor soll sie (wiederum in Baiae) die Ermordung ihres Gatten, des Kaisers Claudius, geplant und vorbereitet haben, um ihrem Sohn Nero auf den Thron zu verhelfen. Dass der sich nur wenige Jahre später äußerst undankbar gegenüber seiner Mutter zeigen sollte, konnte sie nicht ahnen.
Auch Marcus Claudius Marcellus, Neffe und Schwiegersohn des Kaisers Augustus und dessen Wunschnachfolger, kam einige Jahre vor Julia Agrippina in Baiae zu Tode, vermutlich infolge eines Giftmordes, geplant von der Gattin des Augustus, die lieber ihren Sohn Tiberius als Nachfolger gesehen hätte (und dies mit dem Mord auch erreichte).
Ankläger und ihre Moral
Baiae war anders als Epstein Island kein Phänomen weniger Jahre oder Jahrzehnte. Baiae gedieh über mindestens zwei Jahrhunderte als ebenso mondäner wie legendenumrankter Treffpunkt der Elite. An Kritikern und Anklägern fehlte es zu keinem Zeitpunkt.
Cicero (106 v. Chr. bis 43 v. Chr.) und Seneca (1 n. Chr. bis 65 n. Chr.) waren prominente Vertreter der intellektuellen Elite des Römertums im letzten vorchristlichen und ersten nachchristlichem Jahrhundert. Beide verurteilten das Treiben in Baiae scharf. Diese Kritik war insofern glaubwürdig, als beide Geistesgrößen ebenfalls Anwesen in Baiae besaßen und die Ausschweifungen ihnen womöglich nicht nur vom Hörensagen bekannt waren.
Cicero geißelte das Luxusleben in Baiae als Ort der Liebschaften, Ehebrüche, Saufgelage, als Sündenbabel und Ort moralischer Verderbtheit. Gleichwohl schuf er hier sein berühmtes Werk „Vom rechten Handeln“. In diesem Werk geht es um das Verhältnis zwischen dem Sittlichen und dem Nützlichen. Vor dem Hintergrund des Treibens in der Lasterhöhle Baiae ließ sich darüber natürlich trefflich reflektieren. Immerhin: Anders als viele spätere Intellektuelle kannte Cicero das Leben in all seinen Facetten und wusste wohl ziemlich genau, worüber er schrieb.
Seneca wiederum sprach von einem Rasthaus der Laster, in dem auch der Standhafteste schwach werden würde. Sollen wir ihm diesen Satz großmütig als Geständnis in eigener Sache auslegen? Ihn selbst störten vor allem der Lärm und der Trubel.
Traumreise in die Antike
Die Ruinen der Anlage lassen sich noch heute besichtigen – zum großen Teil allerdings nur mit Schnorchel oder Taucherausrüstung in 4 bis 7 Metern Wassertiefe. Von den phlegräischen Feldern ausgehende tektonische Verwerfungen (Bradyseismos = langsame Bewegung) haben dafür gesorgt, dass zwischen dem 3. und 5. nachchristlichen Jahrhundert viele der ursprünglich an Land gelegenen Anlagen im Meer versanken. Doch versank mit den Anlagen auch der Geist der Laster und Auschweifungen? Die submarinen Überreste von Tempeln, Luxusvillen, Terrassenanlagen und Thermen liefern alles in allem eine solide materielle Grundlage für phantasievolle Reisen in die Vergangenheit. Oder man springt direkt in die Gegenwart.
Kurz gestreift: Moderne Parallelen
Weil wir das antike Baiae zu Epstein Island in Bezug bringen, hier die Kurzfassung zu letztgenannter Location: Epstein Island heißt eigentlich Little Saint James und ist eine etwa 28 Hektar große Privatinsel in der Karibik. Der zwischenzeitlich als Sexualstraftäter verurteilte und 2019 unter seltsamen Umständen in der Haft zu Tode gekommene Jeffrey Epstein hatte die Insel im Jahr 1998 gekauft. Sie diente ihm als Zentrum für den Missbrauch und den Handel mit minderjährigen Mädchen und jungen Frauen. Dass Epstein Island zu den Amerikanischen Jungferninseln gehört, mag vor diesem Hintergrund wie Zynismus wirken.
Hartnäckig halten sich (teils bestätigte) Gerüchte, dass Angehörige der internationalen Politprominenz sich dort ein Stelldichein gaben. Nach Epsteins plötzlichem Ableben durchsuchte das FBI das Anwesen. Man wurde in reichem Maße fündig, auch hinsichtlich der Gäste und ihrer Vorlieben. Mit der vollständigen Veröffentlichung der Akten tut man sich auch nach deren Freigabe bis heute sehr schwer. Darauf mag man sich reimen, was man möchte.
Epstein betrieb sein Missbrauch-Netzwerk auch an anderen Orten wie der Zorro Ranch in New Mexico und der Palm Beach Villa in Florida. Doch waren die Epsteinschen Liegenschaften beileibe nicht die einzigen Orte, an denen in jüngerer Vergangenheit derartiges geschah. Zu nennen sind u.a. das Maison de Corail in Marokko (ein Treff europäischer Pädophiler), die vom Netzwerk um Jimmy Savile in England genutzten Immobilien sowie Le Glandier in Frankreich.
Bild: Josef Rebell (1787–1828), Vue de Baia