Märchen, Mythen und Sagen zählen zu den ältesten Quellen menschlicher Geistestätigkeit. Man…

Wer kann ein Gedicht aufsagen? Heute nur noch wenige, denke ich. Aber bei denen, die das noch können, ist bestimmt auch dieses alte Scherzgedicht noch abrufbar. Verfasser ist unbekannt, es soll aus dem späten 19. Jahrhundert stammen und kennt auch noch einige Versvarianten.
Ein Scherzgedicht?
Dunkel war’s, der Mond schien helle,
Schneebedeckt die grüne Flur,
Als ein Wagen blitzeschnelle
Langsam um die Ecke fuhr.
Drinnen saßen stehend Leute,
Schweigend ins Gespräch vertieft,
Als ein totgeschoss‘ner Hase
Auf der Sandbank Schlittschuh lief
Man erkennt es auf den ersten Blick: Lauter Paradoxien und Oxymora. Also Aussagen, die einem gegen den Strich gehen und in sich widersprüchlich sind. Der Begriff Oxymoron bedeutet auf altgriechisch „scharfsinnige Dummheit“ – und liefert dafür selbst ein Musterbeispiel für das mit ihm Gemeinte. Genug der Klugscheißerei, wir wollen das ja gar nicht nach allen Regeln der Kunst deuten. Viel wichtiger ist mir ein anderer Aspekt.
Ein Denkanstoß
Von Kindheit an wird unser Verstand darauf gepolt, in sich Widersprüchliches zu identifizieren und nicht anzuerkennen. Das geht zurück auf die aristotelische Logik. Die besagt im Wesentlichen: etwas ist oder ist nicht; was ist, kann nicht zugleich wahr und falsch sein, sondern nur eins von beiden; ein Drittes neben wahr und falsch gibt es nicht.
Diese Grundüberzeugungen formen das westliche Denken, haben den Bau der westlichen Zivilisation überhaupt erst ermöglicht. Das Scherzgedicht wäre also ein Frontalangriff auf die Logik. Was aber besagt das? Ist es fahrlässig, dieses Gedicht Kindern vorzusetzen? Oder ist es geradezu notwendig?
Ich denke, dass es beides ist: fahrlässig und notwendig. Fahrlässig oder gar gefährlich, weil es das gerade mühsam Erlernte auf den Kopf stellt. Notwendig aus dem gleichen Grund. Denn auch etwas als sicher Geglaubtes könnte sich bei genauerer bzw. anderer Betrachtung als falsch oder unsinnig erweisen.
Es gibt nicht nur die eine gemäß aristotelischer Logik geordnete Welt. Es gibt auch andere Welten, in denen Widersprüchliches eben nicht ausgeschlossen ist, in denen etwas wahr und zugleich auch falsch sein kann (je nach Perspektive). Kindern davon eine Ahnung zu vermitteln kann nicht verkehrt sein. Gerade Kindern, sofern sie noch mit Märchen, Mythen und Sagen aufwachsen dürfen, ist das ohnehin vertraut. Meist verlieren sie diese Einsicht jedoch mit der Zeit und weicht dem starren aristotelischen Schematismus. Schade eigentlich.
Foto: Lutz Meyer