In einen Hundehaufen zu treten gehört zu den unangenehmeren Dingen des Alltags…

Psychische Erkrankungen sind die zweithäufigste Ursache für längerfristige Krankschreibungen – mit steigender Tendenz. Unter den psychischen Erkrankungen wiederum stehen Angststörungen an oberster Stelle, gefolgt von Depressionen, Suchterkrankungen, Anpassungsstörungen und Belastungsreaktionen. Bei fast jedem dritten hier lebenden Erwachsenen wird einmal pro Jahr eine psychische Erkrankung diagnostiziert.
Schon Carl Gustav Jung sah psychische Erkrankungen als notwendige, gesunde und sinnstiftende Reaktion der Seele auf eine Entfremdung vom eigenen Selbst bzw. eine Blockade der persönlichen Entwicklung.
Entfremdung vom Selbst, Entfremdung von der Natur
Nach Jung liegt eine der Ursachen für psychische Erkrankungen in einer Entfremdung vom eigenen Selbst. Die Entfremdung vom Selbst wird beschleunigt durch die Entfremdung von der Natur, mit der unser Selbst seit jeher verbunden ist. Der Mensch ist Teil der Natur, die Menschwerdung hat sich in steter Auseinandersetzung mit der Natur, im zunehmenden Maß auch gegen sie vollzogen.
Allgegenwärtige Entfremdung
Was Entfremdung von der Natur heißt, erfahren wir täglich am eigenen Leib und an der eigenen Seele. Ob Ernährung, Bewegung, Arbeit, geistige Tätigkeiten, Kindererziehung, Gesundheit, Sexualität: Kein Lebensbereich bleibt verschont von Eingriffen in natürliche Vorgänge. Ein Großteil unserer Lebensmittel durchläuft komplexe industrielle Prozesse. Unsere Bewegung vollzieht sich mithilfe von Maschinen. Für unsere Gesundheit sorgt die Pharmaindustrie. Und eine sogenannte Künstliche Intelligenz schickt sich an, bald auch jede geistige Tätigkeit zu übernehmen.
Wie soll ein Mensch da nicht psychisch erkranken? Begibt der psychisch erkrankte Mensch sich in eine Behandlung, wird auch diese eher pharmazeutisch-technischer Art sein, also naturfern. Auch eine gesprächsbasierte Therapie wird aus Kostengründen wohl bald vollständig durch eine KI übernommen werden. Die Behandlung zielt auf eine Wiederherstellung der Funktionalität des Erkrankten ab – er soll schnellstmöglich zurück in den Prozess, der ihn überhaupt erst krank gemacht hat.
Das Zurück in die Natur auf psychischer Ebene
„Die Natur“, in die man zurückkönnte, gibt es längst nicht mehr. Kein Quadratzentimeter der Oberfläche dieses Planeten bleibt ungenutzt. Am Himmel ziehen Abertausende von Satelliten ihre Bahn und auch die Tiefsee ist längst zum Wirtschafts- und Ausbeutungsraum geworden.
Andererseits treffen wir überall in der technischen Welt auch die Urkraft der Natur an: der Löwenzahn bricht durch die Asphaltdecke, Ruinen werden binnen weniger Jahre überwachsen und überwuchert, Wind, Sonne, Eis und Regen erinnern uns täglich daran, dass es doch noch einen unvermessenen Raum gibt. Auch in der Begegnung mit Menschen bricht die Natur immer wieder durch – starke Emotionen wie Liebe oder Wut zeigen deutlich, dass es Räume gibt, die sich der Kontrolle entziehen.
Lernen wir, solche Räume aufzuspüren, in der Umgebung aber auch in jedem menschlichen Gegenüber, bringt uns das zurück in eine Seelen-Wildnis. Hier gewinnen wir gesunde Maßstäbe für unser Leben.
Foto: Lutz Meyer