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Samstag früh trifft man mich meist, so man denn will, auf dem Wochenmarkt in Münster zu Füßen des Doms – ganz früh, wenn es dort noch schön leer ist. Fisch, Geflügel teils noch im Federkleid, Käseräder, urwüchsige Würste und duftende Schinken, Brote mit grober Kruste, Berge frischen Gemüses, würzige Kräuter – eine durchaus archaische Szenerie, die sich den Sinnen darbietet. Nach dem Einkauf der obligatorische Milchkaffee vor dem Domportal. Gern schweifen dabei die Gedanken ab – in weite Ferne, vor allem in eine zeitlich weite Ferne. Vor knapp fünfhundert Jahren war dieser heute so einladende und friedliche Ort Zeuge eines blutigen Massenwahns. Es war die Zeit des Münsteraner Wiedertäuferreichs. Fern und doch so nah.

 

Aufgeschlossen war man hier schon immer

Aus heutiger Sicht betrachtet kommt einem das Geschehen bizarr vor: Münster war damals eine bedeutende Stadt des heiligen römischen Reiches deutscher Nation. Es herrschte Wohlstand, man war kultiviert und aufgeschlossen. Zum Beispiel für die Lehren Luthers, sogar der Bischof höchstselbst betrachtete die Lehren der Reformation mit fast schon liberalem Wohlwollen. Doch wo die Liberalität waltet, ist die Schrankenlosigkeit oft nicht weit. Die Wiedertäufer waren eine der vielen reformatorischen Sekten jener Zeit, denen das Luthertum nicht weit genug ging. Sie hatten ganz anderes im Sinn. Die Erwachsenentaufe war nur eines ihrer Anliegen. Vor allem aber glaubten sie, dass der Weltuntergang unmittelbar bevorstünde.

 

Ein Spelunkenwirt als König

Die benachbarten Niederlande waren eines der geographischen Zentren der apokalyptisch fundierten Wiedertäuferei, von dort trafen auch Sendboten dieser radikalen Lehre in Münster ein. Unter anderem ein gewisser Jan Bockelson, auch als Jan van Leyden bekannt – ein Spelunkenwirt, noch jung an Jahren und mit einem gewissen rhetorischen Talent und Charisma ausgestattet. Rasch gelang es den Wiedertäufern unter seiner Führung, die Meinungsherrschaft in den Mauern von Münster an sich zu reißen. Münster sah sich damals als Nabel der Welt, als neues Jerusalem. Hier würde sich das Schicksal der Christenheit erfüllen, hier würde Christus wiederkehren und die Seinen um sich scharen. Das Münsteraner Bürgertum fühlte sich ob der ihm zugedachten Rolle wahrscheinlich nicht wenig geschmeichelt und schloss sich in großen Teilen der neuen Lehre an. Wer sich nicht anschloss, ging seiner Habe (zuweilen auch seines Lebens) verlustig. Wer lebendig die Stadt verlassen durfte, tat es ausgeplündert und mittellos. Die Anhänger der neuen Lehre dünkten sich keineswegs als die Räuber und Mörder, die sie de facto waren, sondern als die besseren Christenmenschen, wähnten die höhere Moral (heute würde man von Hypermoral sprechen) auf ihrer Seite und taten das, was Menschen oft tun, wenn der Machtrausch sie erfasst: Sie machten Party – natürlich auf Kosten jener, die nicht mittun wollten. Und Bockelson, der charismatische Spelunkenwirt, Laienschauspieler und Bordellier, war ihr strahlender König.

 

Der Wahn ist kurz und endet schmerzhaft

Dem zuvor so geduldigen Fürstbischof wurde es bald zu viel, zumal die religiöse Party der Wiedertäufer immer exzessivere Züge annahm: Kirchen wurden entweiht und zerstört, Eigentum Ungläubiger enteignet (und unter den neuen Herren umverteilt), Andersdenkende gefoltert und getötet und im Zenit der Exzesse dann auch noch unter Zwang die Vielweiberei eingeführt – wer sich gegen irgendetwas davon sträubte, war des Todes. Nicht umsonst erschien vor 50 Jahren das Münsteraner Wiedertäuferreich den 68er-Revoluzzern als Vorbild: eine Art urkommunistischer Gesellschaftsordnung, in der man hemmungslose Zerstörung als Befreiung erleben durfte. Doch kein Wahn währt ewig. Der fürstbischöflichen Allianz gelang nach Pleiten, Pech und Pannen im Sommer 1535 schließlich die Einnahme der Stadt. Was dort noch an Wiedertäufern lebte, wurde erbarmungslos niedergemacht – bis auf die Anführer. Mit denen hatte man Besonderes vor. Sie fing man lebendig ein und führte sie in einer Art Freakshow für einige Monate durch die Lande (schließlich mussten die erheblichen Kosten der Belagerung wieder reingeholt werden). Im Januar 1536 schließlich wurden die drei Anführer des Wiedertäuferreichs – unter ihnen König Bockelson – in Münster nach damals üblicher qualvollster Methode hingerichtet, ihre Leichen danach in Käfigen (die Käfigoriginale sind noch heute am dem Dom benachbarten Turm der Lambertikirche zu sehen) den Raben zum Fraß überlassen. Der von ihren Überresten ausgehende Aasgestank soll monatelang über der Stadt gehangen haben. Ende eines Massenwahns.

Literarische Würdigung

Nicht gänzlich frei von Wertungen, doch spannend in der Darstellung hatte der deutsche Autor Friedrich Reck-Malleczewen es 1937 unternommen, die Geschichte des Münsteraner Wiedertäuferreiches darzustellen. Die seinerzeit herrschenden Nationalsozialisten brauchten eine Weile, bis ihnen klar wurde, dass Reck die Sache mit dem Massenwahn nicht nur auf die Wiedertäufer bezog, sondern auch auf sie selbst. Dann verboten sie das Buch umgehend, Reck starb Abfang 1945 im KZ. Nach dem Krieg erlebte das hochpolitische Werk drei Neuauflagen – zuletzt 2015 im Rahmen der edition nordost bei Antaios. Gerade zur rechten Zeit, könnte man meinen – denn der Massenwahn hat schließlich immer wieder mal Konjunktur. Zu dieser bislang letzten Neuauflage hatte ich übrigens die Ehre, das Vorwort beisteuern zu dürfen. Zu beziehen bei www.antaios.de

 

Fotos: Lutz Meyer

Lutz Meyer

Lutz Meyer ist Texter und Autor. Schwerpunktthemen sind Gesundheit, Bauen und Philosophie.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Werter Autor, Danke für diesen Text, aber was zum Teufel hat die abgebildete Figurengruppe im Paradies des Paulus-Doms zu Münster mit den Wiedertäufern zu tun? Wir sehen oben Jesus Christus und darunter – mit dem Schwert – Paulus, beide als Weltenrichter. Historischer Hintergrund ist wohl, dass hier das Sendgericht stattfand.

    1. Geschätzter Leser, historisch gesehen haben diese Figuren natürlich nichts mit den Wiedertäufern zu tun. Die Figuren zeigen weder den Bockelson noch darunter den Tuchhändler, Bürgermeister und fleißigen Scharfrichter Knipperdolling. Aber können wir die Darstellung des Weltenrichters nicht doch im Zusammenhang mit der apokalyptischen Ausrichtung der Wiedertäufer sehen? Schließlich waren die Anhänger dieser Sekte gerade in freudiger Erwartung des finalen Gerichtstages nach Münster gezogen.

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