Wenn Politiker und Medien heute von „unserer Demokratie“ reden, die es gegen…

Virtue signaling – zu deutsch in etwa das vorauseilende öffentliche Bekunden moralischer Standhaftigkeit – ist immer dann groß in Mode, wenn das gerade herrschende System in einer Krise steckt und öffentliche Bekenntnisse verlangt.
Seine literarisch bekundete Urform ist der Gesslerhut, den in Schillers Wilhelm Tell ein jeder zu grüßen hatte. Tat er es nicht, war er als Feind des Landvogts markiert. Heinrich Mann setzte dem ewigen Moraltrompeter in seinem Roman „Der Untertan“ ein weiteres Denkmal. Ein kurzer Blick auf heutige Gesslerhüte? Gern.
Rituale des Gehorsams
Nicht immer geht es beim Gruß des Gesslerhuts darum, einem Machthaber Gehorsam und Gefolgschaft zu signalisieren. Oft ist es auch einfach nur das Signal an das private Umfeld, dass man dazugehört, dass man nicht irgendwann falsch abgebogen ist. Man folgt dem Herdeninstinkt.
Auf Social-Media-Kanälen gehören die Hashtag-Gerechtigkeit dazu (man bekennt sich z.B. in geopolitischen Krisen via Hashtag zu einer Seite, ohne sich tiefer mit den Ursachen der Krise zu befassen), Profilbilder in Landesfarben oder Solidaritätssymbole sowie die sogenannten Thoughts and Prayers (konfektionierte und deshalb oberflächlichste Beileidsbekundungen).
Die Teilnahme an Kundgebungen, sofern sie sich „gegen rechts“ richten, ist ebenfalls so ein Bückling vor dem Gesslerhut. In der Corona-Zeit waren es die Maske, das demonstrative Abstandhalten, der Gruß per Ellenbogen und das ritualisierte „Bleiben Sie gesund!“
Prominente und Influencer tun sich beim Grüßen des gerade angesagten Gesslerhutes besonders gern hervor, um weitere Follower zu generieren – dass ihr eigener Lebensstil öfter mal im krassen Widerspruch zu dem steht, was sie da öffentlich unterstützen, spielt keine Rolle. Klimaschutz und Privatjet? Kein Problem. Hauptsache, man steht moralisch auf der richtigen Seite und trompetet es laut genug heraus.
Bio, Fairtrade, Green- und Pinkwashing
Man achte auch auf kleine Signale im Alltag: Demonstrativ werden Bio- oder Fairtrade-Produkte eingekauft und aufgetischt und zum Yogi-Tee moralische Belehrungen frei Haus erteilt.
Unternehmen und Institutionen entbieten ebenfalls gern und häufig ihre Gesslerhutgrüße – senden also unentwegt Signale, mit der herrschenden Politik und der veröffentlichten Meinung übereinzustimmen. Dieser Opportunismus zahlt sich aus z.B. durch öffentliche Aufträge. Darüber hinaus hofft man natürlich auf weitere Kunden. Derzeit häufige Formen sind Greenwashing und Pinkwashing (pride month). Alles untertänigste Signale des Dazugehörenwollens.
Kein Gesslerhut bleibt ewig auf der Stange
Dass der Wind sich nicht nur dreht, sondern sich womöglich zum Sturm auswächst, der allerlei Gesslerhüte von der Stange blasen wird, gehört zu den wahrscheinlichsten Zukunftsszenarien. Ein gutes Zeichen dafür, dass die Rückgratverkrümmung durch das Dauerbücken noch nicht zur epidemischen Haltung geworden ist.
Foto: Lutz Meyer