Maritime Freuden sind nicht der Seefahrt und dem Strandaufenthalt vorbehalten: Vor den…

Der Krater war über Nacht entstanden, einfach so. Niemand hatte seine Entstehung vorhergesehen und kein Experte konnte sie erklären. Die Experten bemühten sich zwar und überboten sich gegenseitig mit wirren Theorien. Doch niemand hörte auf sie. Aber so ist das eben: Die interessantesten Dinge im Leben passieren einfach so.
Wozu so ein Krater gut ist
Ein paar Wagemutige trauten sich bis dicht an den Krater heran. Er maß von einem Rand zum anderen mindestens 500 Meter und war unendlich tief. Zumindest konnte man seinen Grund nicht erkennen. Und warf man etwas hinein, war kein Aufschlaggeräusch zu hören.
Bald kamen die ersten Leute mit allerlei Gerümpel angeschleppt und kippten alles über den Kraterrand: Dinge die man nicht mehr benötigte, Fehlkäufe der letzten Monate, unnützes Zeug halt. Auch allerlei Belastendes verschwand auf diese Weise: lästig gewordene Vorgesetzte, ungeliebte Partner, Haustiere und Verwandte. Einige versuchten gar, ihre ganze Vergangenheit auf diese Weise loszuwerden. Doch weil man nie weiß, wo die Vergangenheit aufhört und die Gegenwart beginnt, stolperte manch einer dieser Übereifrigen mit in den Abgrund.
Das ging so über mehrere Wochen, und der Krater schien ein schier unerschöpfliches Fassungsvermögen zu haben. Ganz Städte, die man schon immer hässlich gefunden hatte, verschwanden in ihm. Er schluckte einfach alles.
Als dann wirklich alles weg war
Nach einigen Monaten sah es auf der Erde ziemlich aufgeräumt aus. Weite, menschenleere Landschaften erstreckten sich bis an den Horizont. Es waren nur noch wenige Menschen in ihr. Gut gelaunt schauten sie in die Weite und in den blauen Himmel, denn aller Flugzeuge und Satelliten hatte man sich gleichfalls entledigt. Der eine oder andere strich um den Krater und schien zu überlegen, was man noch in ihn hineinwerfen könnte. Doch viel gab es nicht mehr.
Also beschloss man, den Krater für ewige Zeiten zu verschließen. Das erschien vernünftig, denn schon gab es erste Stimmen, die forderten, einige im Übereifer entsorgte Dinge wieder ans Tageslicht zu holen. Aufgrund der unendlichen Tiefe des Kraters war das zwar schwierig umsetzbar, doch wenn man den Krater verfüllte und versiegelte, wäre die Diskussion ein für allemal beendet. Also begann man alles, was man an Bergen und Hügeln vorfand, in den Krater zu schieben. Doch noch immer war dessen Tiefe unermesslich. Also schob man bald auch die Täler und Tiefebenen ins Loch und leitete zu guter Letzt alles Wasser, das man auf der Erde fand, hinein. Da Wasser nun einmal alles mitzureißen pflegt, was ihm im Wege steht, verschwanden mit ihm auch die letzten Menschen und zum guten Ende auch der Krater selbst.
Wie man auf eine so blödsinnige Idee kommt? Keine Ahnung. Der halb verrottete Zaunpfosten am Rande einer Wiese schien mir diese Geschichte zuzuflüstern.
Foto: Lutz Meyer