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Der Finger im Primatenkot – der schöne Traum vom gewaltfreien Leben

Vorbemerkung: Dieser Text von mir erschien im Original in der Sezession 76 von Februar 2017, nachfolgend eine geringfügig veränderte Fassung. Das Thema ist zu wichtig, um in Vergessenheit zu geraten: Ein realistischer Blick auf einige Grundtatsachen des Lebens. Dieser Beitrag ist etwas länger als sonst hier üblich. Lesedauer 5 bis 7 Minuten. Jean-Jacques Rousseau war gewiss nicht der erste Mensch, der den Traum vom gewaltfreien Leben träumte. Doch er träumte ihn auf besondere Weise: als Kritik am Zivilisationsprozess. Und er…

Die Kunst des Gesprächs

Der eine kann seine Klappe nicht halten, der andere kommt nicht zu Wort. Nicht wenige Gespräche verlaufen nach diesem Muster. Der Gewinn für beide Seiten fällt bescheiden aus: Der Dauerredner konnte das, was er mitzuteilen hoffte, nicht mitteilen, weil sein Gegenüber bereits nach den ersten drei Sätzen dicht gemacht hatte. Man findet dieses Kommunikationsmuster im Geschäftlichen wie im Privaten und natürlich auch in Talkshows sowie in der Politik. Dort sogar ganz besonders. In der Folge nimmt das Desinteresse der Bevölkerung…

Kintsugi

Kintsugi und Septarienknollen

Was macht man mit einer zerbrochenen Tasse? Entweder wirft man sie in den Müll. Oder man versucht, die Scherben so zusammenzufügen, dass möglichst wenig vom erlittenen Schaden sichtbar ist. Ganz anders die japanische Kintsugi-Technik. Blick nach Japan Kintsugi ist die in Japan praktizierte alte Handwerkskunst der Goldverbindung. Zerbrochenes aus Keramik, Steingut oder Porzellan wird so repariert, dass die Bruchstellen in hervorgehobener Weise sichtbar bleiben als Teil der Geschichte einer Tasse oder Vase. Hierzu wird die Bruchstelle mit einen Baumharzlack geklebt…

Über Wracks

Jedes Schiff erreicht irgendwann diesen Zustand, in dem es nicht mehr seetauglich ist. Ist das Schiff aufgrund z. B. seiner historischen Bedeutung erhaltungswürdig, kann man es restaurieren und für weitere Jahrzehnte flott machen. Ist es das nicht, wird es abgewrackt und in seine Einzelteile zerlegt. Was sich noch verwerten lässt, wird verwertet. Menschliche Wracks Auch Menschen können in einen Zustand kommen, der Zweifel an ihrer weiteren Lebenstauglichkeit aufkommen lässt. Ein menschliches Wrack hat sich meist selbst in diese Situation gebracht,…

Rot

Liebe, Herz, Blut, Gefahr, Aggression, Zorn, Energie, Erotik, Wärme, Leidenschaft: Die Farbe Rot steht für die stärksten seelischen Regungen. Das macht sich auch die Werbepsychologie zunutze. Rot weckt Aufmerksamkeit, Besitzgier und Kauflust. Rot geht aber auch mit Raub- und Mordlust einher. Nicht umsonst war Rot stets die Farbe politisch linker Bewegungen. Die Bedeutung dieser Farbe für die menschliche Wahrnehmung ist auf das Blut zurückzuführen. Im Lebenssaft ist alles vereint, Energie und Gefahr ebenso wie Liebe und Leidenschaft. Dass die Farbe…

Gespräch über die Sprache

Kürzlich hatte ich ein Gespräch mit einem Unternehmer. Er ist Geschäftsführer eines Unternehmens mit rund 500 Mitarbeitern. Seine Klage galt zunächst den allgemeinen Zuständen im Land, dann aber speziell dem Verfall der Sprache. Er machte diesen Verfall an drei Indikatoren fest. Bildung Erster Indikator: der Bildungsverfall und damit einhergehend der Verfall der Denkfähigkeit vor allem unter den jüngeren Mitarbeitern unter 30 (er genderte nicht, meinte aber Männer und Frauen) und ohne jeglichen Migrationshintergrund. Die Leute ließen sich von seichten Unterhaltungsangeboten…

Drei Rabenträume

Raben sind Aasfresser. Sie hielten sich, als das öffentliche Hängen noch in Mode war, gern in der Nähe von Galgen auf, um sich an den Gehenkten gütlich zu tun, Galgenvögel. Deshalb fühlen auch heute manche Leute sich unwohl, wenn ihnen das Krächzen zu nahe kommt. Raben gelten aber auch als sehr intelligente Tiere. Huginn und Muninn, Odins Raben, stehen für Gedanke und Gedenken, also für die Grundpfeiler menschlichen Denkens: ohne Erinnerung kein kluger Gedanke, ohne Gedanken bleibt jede Erinnerung unstrukturiert…

Formenspiele der Natur

Eine Strelitzie im Botanischen Garten Münster. Man kennt die Strelitzia reginae auch unter Namen wie Paradiesvogel-, Papageien- oder Kranichblume. Diese namensgebenden Ähnlichkeiten könnte man leicht abtun als zufällig oder als Akt menschlicher Willkür in der Benennung, denn offensichtlich haben Pflanze und Vogel wissenschaftlich betrachtet nichts miteinander zu tun. Die Formensprache verweist allerdings auf etwas anderes: Die Gestaltungskraft der Natur mag unendlich sein, dennoch erlaubt sie sich erheiternde Rückgriffe auf bereits bestehende Formen. Das sind keine Fehlgriffe, sondern deutet auf Verbindungen,…

Feuer und Flamme

In einer Zeit, in der flächendeckende, länger andauernde Stromausfälle wahrscheinlicher werden, erscheint es sinnvoll, sich auf bewährte Formen der Nahrungszubereitung zu besinnen. Man könnte eine elektrische Kochstelle zwar auch mit einem Dieselgenerator oder Sonnenkollektoren betreiben, man könnte einen Campingkocher oder Grill verwenden, doch entgeht einem dann die wichtigste Erkenntnis: Die Einsicht in die Brüchigkeit der menschlichen Zivilisation. Diese Erleuchtung bringt wohl nur die Feuerstelle. Foto: Lutz Meyer

Mehr als nur ein Memento-Mori-Moment

Im Freilichtmuseum Cloppenburg erinnert ein aufgestellter Sarg ebenso an das traditionelle Bestatterhandwerk wie an die Endlichkeit des Lebens. Doch mich sprang bei diesem Anblick etwas ganz anderes an: Das pure Leben. Die Urfom Die Grundform des Sarges taucht im menschlichen Leben in vielerlei Bezügen auf. Es ist der aus Holz gefertigte Kasten. Ein Kasten bedeutet Sicherheit, Schutz. Es fängt mit der Wiege an, dann das Bett, die Truhe, das Boot, der Karren und endlich auch der letzte Kasten. Die Urform…