Eine Strelitzie im Botanischen Garten Münster. Man kennt die Strelitzia reginae auch…

Raben sind Aasfresser. Sie hielten sich, als das öffentliche Hängen noch in Mode war, gern in der Nähe von Galgen auf, um sich an den Gehenkten gütlich zu tun, Galgenvögel. Deshalb fühlen auch heute manche Leute sich unwohl, wenn ihnen das Krächzen zu nahe kommt. Raben gelten aber auch als sehr intelligente Tiere. Huginn und Muninn, Odins Raben, stehen für Gedanke und Gedenken, also für die Grundpfeiler menschlichen Denkens: ohne Erinnerung kein kluger Gedanke, ohne Gedanken bleibt jede Erinnerung unstrukturiert. Ich hatte innerhalb kurzer Zeit drei Rabenträume.
Der erste Rabentraum
Ich war in den Rieselfeldern unterwegs. Auf einem der uralten, abgestorbenen Obstbäume sah ich einen Raben. Auch er schien mich schon von weitem ins Auge gefasst zu haben. Als ich näher kam, schwang er sich in die Luft, breitete seine Schwingen aus und schwebte auf mich zu. Nun sah ich, dass der Rabe in Wirklichkeit eine schwarzgefiederte, sehr schöne Frau war, die schließlich vor mir landete, ein Vogelmensch. Sie krächzte mich an. Erstaunlicherweise verstand ich ihr Krächzen – sie forderte mich auf, mitzufliegen. Aber ich konnte nicht, so ganz ohne Federn und Flügel, wie ich war. Später, am Frühstückstisch, sah ich in den Garten hinaus, auf der Lehne eines Stuhls saß ein Rabe, schaute mich an und flog krächzend davon.
Der zweite Rabentraum
Ein paar Nächte später saß in einem windigen Tag am Strand. Mit fiel auf, dass kaum Möwen unterwegs waren, aber viele Raben. Einer dieser Raben näherte sich mir – eine alte Bekannte, wieder die schöne Vogelfrau. Wieder kamen wir ins Gespräch, wieder forderte sie mich zum Mitfliegen auf. Zu meinem Erstaunen sah ich, dass ich mich ebenfalls in einen Vogel verwandelte, blauschwarze Federn umhüllten mich, meine Arme wurden zu Flügeln. Eine jähe Sturmböe riss die Vogelfrau in die Luft empor und warf mich zu Boden. Morgens fand ich vor der Haustür eine schwarze Feder.
Der dritte Rabentraum
Letzte Nacht war ich in Münster unterwegs. Münster stand unter Wasser, ich fuhr in einem Boot durch Münsters Straßen, gelangte schließlich zum Platz an der Lambertikirche. Dort standen zahlreiche Menschen bis zur Brust im Wasser, deuteten aufgeregt zu den Wiedertäuferkäfigen hoch am Kirchturm, jammerten. Ich sah auch nach oben: In den Käfigen waren mehrere Leichen, krächzende Raben umkreisten sie.
Foto: Lutz Meyer