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Kintsugi

Was macht man mit einer zerbrochenen Tasse? Entweder wirft man sie in den Müll. Oder man versucht, die Scherben so zusammenzufügen, dass möglichst wenig vom erlittenen Schaden sichtbar ist. Ganz anders die japanische Kintsugi-Technik.

Blick nach Japan

Kintsugi ist die in Japan praktizierte alte Handwerkskunst der Goldverbindung. Zerbrochenes aus Keramik, Steingut oder Porzellan wird so repariert, dass die Bruchstellen in hervorgehobener Weise sichtbar bleiben als Teil der Geschichte einer Tasse oder Vase. Hierzu wird die Bruchstelle mit einen Baumharzlack geklebt und anschließend mit Goldpulver überzogen.

Der reparierte Gegenstand trägt die Spuren seiner Geschichte gleichsam wie einen Orden, wie eine Auszeichnung. Dahinter steckt die Wabi-Sabi-Ästhetik: das Unvollkommene, Makelhafte und Vergängliche hat seine eigene Schönheit.

Blick in die Natur

Septarien sind kalkhaltige Tonknollen, in denen durch natürliche Schrumpfungsprozesse Risse entstehen. Die Risse werden im Laufe der Zeit durch mineralhaltige Lösungen aufgefüllt. Diese bilden neue feste Strukturen. Meist handelt es sich dabei um Carbonate wie Calcit, Aragonit oder Siderit. Die Kristallstrukturen machen die alten Risse ebenfalls auf besondere Weise sichtbar. Die Geschichte eines Steins bleibt erkennbar als Ausdruck eines nie endenden Prozesses des Werdens und Vergehens. Wabi-Sabi ist vielleicht nicht nur eine menschliche Anschauung, sondern könnte als ein übergreifendes, der Natur innewohnendes Prinzip bezeichnet werden.

Weise wäre es, sich als Mensch in diesem Prozess einzufinden, sich als Teil davon zu begreifen. Wozu nach Perfektion streben? Das Unperfekte, Unvollkommene, Vergängliche, Makelhafte und Einfache ist eben kein Mangel, sondern Ausdruck des Lebens selbst.

Und auch dies gehört dazu: Ein menschliches Leben ohne Brüche ist kaum vorstellbar. Eine Heilung solcher Brüche nach dem Wabi-Sabi-Prinzip wäre jedem oberflächlichen Reparaturversuch vorzuziehen. Narben versteckt man nicht, man trägt sie mit Stolz.

Im Übrigen gilt das Wort von Ernst Jünger: „Bruchstellen sind Fundstellen.“ (EJ, An der Zeitmauer)

Foto: Lutz Meyer

Lutz Meyer ist Philosoph und Autor. Sein wichtigstes Thema: die Lebenskunst. Mehr hierzu auf besser-mit-kunst.de Auch interessant: wort-und-bogen-de