Eine Bucht, gebildet aus grauem Gestein. Die Küste ragt wie ein Kap…

Inseln üben auf viele Menschen eine besondere Anziehung aus. Oft einsam gelegen, versprechen Inseln nicht nur Ruhe und Kontemplation, sondern sind auch den neugierigen Blicken der Öffentlichkeit entzogen. Dabei muss es sich noch nicht einmal um echte Inseln handeln – die relative Abgeschiedenheit reicht.
Ein antikes Beispiel ist Baiae nahe Neapel. Dort trieb die römische Elite Dinge, die in Rom zu treiben selbst sie sich nicht getraut hätte. Zu groß wäre die öffentliche Empörung gewesen, zu markant die Kluft zwischen öffentlicher Moral und heimlichem Tun. Baiae war so eine Art antikes Epstein Island: Ort hemmungsloser Ausschweifungen und wohl auch unaussprechlicher Verbrechen – nicht für jedermann, nur für die Crème de la Crème.
Da der Begriff der Elite heute inflationär eingesetzt wird, sei kurz an das Diktum Carls Schmitts erinnert: „Elite sind diejenigen, deren Soziologie keiner zu schreiben wagt.“ (Glossarium, Aufzeichnungen aus den Jahren 1947 bis 1958, Eintrag vom 1. Mai 1948). Daraus lässt sich eventuell folgern, dass diejenigen, deren Soziologie ohne Einschränkung geschrieben und veröffentlicht vwerden kann, entweder bereits tot sind oder aus anderen Gründen nicht bzw. nicht mehr zur Elite gehören.
Der Reiz des Verbotenen
Viele Menschen träumen wahrscheinlich von Dingen, die auszuleben sie unweigerlich in Konflikt mit dem Gesetz brächte. Sie belassen es dann meist beim Träumen. Angehöriger der Eliten – politischer Eliten, Geldeliten, Machteliten jeder Art – träumen solche Träume ebenfalls, trauen sich aber mehr. Sie glauben, dass sie über dem Gesetz stehen. Das tun sie auch. Jedenfalls so lange, wie sie es nicht allzu doll treiben. Gewisse Grenzen dürfen auch sie nicht überschreiten. Doch sind ihre Grenzen deutlich weiter gesteckt als die Grenzen der Normalsterblichen. Geld kauft bis zu einem gewissen Punkt Freiheit vor dem Gesetz.
Spiele der Macht
Der Reiz des Verbotenen übt eine starke Anziehung auch – ebenso der Drang, dazuzugehören. Wie peinlich, wenn man als Angehöriger der römischen oberen Zehntausend noch nie ein Wochenende in Baiae verbracht hatte. Oder wenn einem Angehörigen heutiger westlichen Eliten Orte wie Epstein Island verschlossen geblieben sind. Man gehört nicht richtig dazu, ist nicht im inner circle.
Also bemüht man sich um Zugang. Ist man drin, ist man Teil nicht nur der Elite, sondern auch ihrer zügellosen, mitunter wohl grenzwertigen oder gar kriminellen Ausschweifungen. Und als Teil dieses Treibens ist man – selbst wenn man selbst sich weitgehend zurückhält – darin verwickelt. Mitgegangen, mitgefangen, mitgehangen – das gilt zumindest im Falle einer Aufdeckung auch hier.
Vielleicht macht man sich als Teilnehmer solch diskreter Orgien nicht immer strafbar, ganz sicher aber erpressbar. Besagte Orte wecken daher immer das Interesse von Organisationen, die um die Macht des Wissens wissen und bereit sind, von dieser Macht skrupellosen Gebrauch zu machen. Der gesellschaftliche Skandal könnte alles zerstören, Einfluss und Ansehen sind gefährdet, vielleicht droht sogar die juristische Verfolgung – die Organisation macht beizeiten ein Angebot, das man nicht ablehnen kann. Das ist die Kehrseite ausgelebter Laster.
Artwork: Lutz Meyer