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Ein Leser meiner Beiträge hier meldet sich anlässlich des Textes Märchen, Mythen, Sagen zu Wort: Warum ich so sehr am Alten orientiert sei, das Menschsein ändere sich doch fortlaufend, das Zeitalter der KI berge viele Chancen für eine Weiterentwicklung. Meine Antwort: Es birgt vor allem das Risiko, dass es mit dem Menschen ein abruptes Ende nimmt.

Jeder Mensch wird mit Vergangenheit geboren

Der Mensch kommt nicht, wie Fortschrittsfreunde meinen, als leerer Eimer oder unformatierte Festplatte zur Welt, den man jederzeit mit Beliebigem befüllen, die man einrichten und nach Bedarf formatieren kann. Der Mensch ist das Ergebnis einer langen Entwicklung. Und diese lange Entwicklung ist in jedem Menschen präsent. Sie wirkt im Unbewussten, steuert Instinkt und Intuition, warnt vor Gefahren, verknüpft neu Erlerntes mit immer schon Vertrautem, steuert uns sicher durch Irrungen und Wirrungen. In uns wirkt ein Gedächtnis, das nicht nur unsere eigene Geschichte kennt und laufend fortschreibt, sondern den Erfahrungsschatz von Jahrzehntausenden umfasst. Wenn wir uns nun mit Märchen, Mythen und Sagen in ihrer ursprünglichen Form befassen, wird manches Unbewusste auch bewusst. In Zeiten extremer Dynamik und Veränderung wirkt das so, als ob wir den reißenden Strom verlassen und uns orientieren. Wir begegnen uns sozusagen selbst im Spiegel der Zeit.

Geistige und materielle Kultur

Neben dem in Worten und Bildern Überliefertem gibt es auch noch das materiell Überlieferte: Werkzeuge aus der Steinzeit, Waffen, Statuen, Gefährte aus der Bronze- oder Eisenzeit, Gebäude und Essgeschirr aus dem Mittelalter. All das spricht ebenfalls eine eindringliche Sprache, verbindet uns mit dem, was an altem Wissen in uns ist. Die Verbindung kommt nicht allein durch Wissen zustande, auch Gerüche, Klänge, Berührungen sind Brücken ins Vergangene. Das Vergangene ist nicht fort, es lebt in uns und kann jederzeit in die Gegenwart eintreten, um die Zukunft zu gestalten.

Wenn wir die Kette reißen lassen – aus Desinteresse, Faulheit, Unkenntnis – liefern wir uns einer rasenden Dynamik aus. Wir verlieren uns in ihr, die uns samt unserer Wurzeln aus dem Boden reißt. Natürlich kann man das begrüßen – weg mit all dem alten Zeug. Verbinden wir uns endlich mit externen Schaltkreisen, lassen wir digitale Abläufe zu einem Teil unseres Nervensystems werden, sichern wir uns damit eine digitale Unsterblichkeit, indem wir unser Wissen in einer Cloud speichern, aus der es auch in Jahrtausenden noch abrufbar sein könnte. Aber damit verlieren wir das menschliche Maß, katapultieren uns aus allen natürlichen Bezügen, werden zu Androiden, Biorobotern, Wesen, die man an- und abschalten kann. Wollen wir das?

Foto: Lutz Meyer

Lutz Meyer ist Philosoph und Autor. Sein wichtigstes Thema: die Lebenskunst. Mehr hierzu auf besser-mit-kunst.de Auch interessant: wort-und-bogen-de