Die Drei gilt als magische Zahl, als Grundzahl des Lebens: Vergangenheit, Gegenwart…

Märchen, Mythen und Sagen zählen zu den ältesten Quellen menschlichen Geistestätigkeit. Man hat sich angewöhnt, diese Anfänge und Ursprünge dem Kindesalter zuzurechnen. Kindern liest man Märchen vor, wenn sie älter werden, auch Mythen und Sagen. Als Erwachsener beschäftigt man sich damit nicht mehr, da vertraut man lieber Wissenschaft und Technik und konsumiert vermeintlich altersgerechtere Inhalte.
Doch auch den Kindern enthält man diese uralten Zeugnisse menschlichen Geistes mittlerweile gern vor. Wenn man Kindern heute noch Märchen und Sagen serviert, dann fast immer in einer verkitschten, vorgeblich kindgerechten Form.
Dabei gäbe es Gründe, sich in jedem Lebensalter mit Märchen, Mythen und Sagen zu befassen. Und zwar in möglichst ursprünglichen Fassungen. Eine solche Beschäftigung würde uns, die wir uns in digitalen Welten und in den Banalitäten durchorganisierten Lebens zu verlieren drohen, ein wenig erden.
Märchen: Kunde aus der Steinzeit
Der abgebildete Märchenband stammt aus einer dreiteiligen Sammlung ostholsteinischer Volksmärchen. Die Sammlung heißt: Wat Grotmoder vertellt. Das ist ein erster wichtiger Hinweis auf die Charakteristik von Märchen: Märchen berichten zwar auch von Männern und ihren Taten, tragen aber einen ausgeprägt weiblichen Grundzug und werden bis in die Gegenwart bevorzugt von Müttern und Großmüttern vorgelesen.
Viele unserer Märchen dürften im Kern bis in die Altsteinzeit zurückgehen. Man kann sich durchaus vorstellen, dass sie in langen Wintern ersonnen, ausgesponnen und im Schein der Feuerstelle vorgetragen wurden. Da dies schriftlos geschah, veränderten sich die Märchen laufend, bildeten Ableger, Varianten und Versionen.
Ein weiteres Grundmerkmal von Märchen ist, dass Menschen, Pflanzen und Tieren auf magische Weise miteinander verbunden sind: Tiere können ebenso wie Pflanzen sprechen. Götter spielen in Märchen kaum eine Rolle, sie tauchen erst in den Mythen auf. Wenn doch einmal im Märchen Göttliches erscheint, dann meist in Gestalt der Frau Holle, der Urgöttin und Großen Mutter. Die Helden sind – im Unterschied zu den späteren Heldensagen – keine berühmten Ritter oder Könige, sondern Menschen aus dem Volk wie Goldmarie, Aschenputtel oder Rotkäppchen. Diese Helden haben Abenteuer zu bestehen oder Aufgaben zu erfüllen. Hier ist im Grunde alles angelegt, was der menschliche Geist zum Überleben und für seine weitere Ausgestaltung benötigt.
Mythen: Kunde aus der Bronzezeit
Mit der Bronzezeit und der Metallverarbeitung begann das Zeitalter der Hochkulturen. Mit den Hochkulturen formten sich Götter- und Herrscherdynastien. Es geht um den Ursprung der Welt, um die Entstehung der Götter und der Menschen. Bei den alten Griechen wird dies durch Hesiod geschildert.
Der griechische Mythos ist ebenso wie der altnordische Mythos nicht widerspruchsfrei, auch hier dürften mehrere Erzähler unterschiedliche Versionen verbreitet haben. Im Unterschied zur Märchenzeit wurden die Mythen nicht mehr nur mündlich weitergegeben. Zumindest im Mittelmeerraum entstanden früh schriftliche Zeugnisse, im Norden fand die Verschriftlichung erst im Mittelalter statt. Während Hesiod vor allem die Götterwelten schildert, stehen bei Homer die Helden im Mittelpunkt – anders als in den späteren Sagen sind die Götter hier aber noch sehr präsent.
Wenn man die Welt des Märchens dem Bereich des Heimischen und Weiblichen und der Magie zuordnen kann, geht es in der Welt der Mythen um Götter- und Herrschergeschlechter. Die Mythen ordnen sich also den Palästen, Burgen und Tempeln zu. Was Kultur ausmacht und wie differenziert selbst das Übermenschliche ist, erfährt der Geist hier.
Sagen: Kunde aus der Eisenzeit
Die Welt der Sagen geht unmittelbar aus der Welt der Mythen hervor, verbindet sich allerdings wiederum mit Elementen aus der Märchenzeit. Im Mittelpunkt der Sagen steht wie in den Märchen ein menschlicher Held. Doch anders als im Märchen, in dem es um einfache Menschen ging, sind die Helden der Sagen meist Ritter oder Könige. Götter spielen in den Sagen kaum eine Rolle, wenn doch, dann noch mehr im Hintergrund als im Mythos.
Mit dem Märchen ist die Sagenwelt dadurch verbunden, dass es noch rätselhafte Naturwesen gibt wie Zwerge (oft beherrschen sie die Unterwelt, hüten Schätze oder sind meisterhafte Schmiede) und Drachen. Anders als das Märchen, das zeitlich und räumlich nicht festgelegt war, sind Sagen mit Blick auf Zeit und Ort oft sehr konkret. Die Sage ist hauptsächlich männlich (was sich auch darin äußert, dass es oft um Kampf und Krieg geht) und findet sich oft als eine Art Fundament oder Ur-Kunde nationaler Gründung oder Tragödie wie die Siegfried-Sage.
Warum das alles?
Dieser kurze, keine Vollständigkeit beanspruchende Abriss versteht sich als Einladung, die in einigen Wochen beginnende dunkle Jahreszeit zu nutzen für eine Einkehr bei den alten Kunden unseres Geistes. Dazu greife man auf möglichst alte Ausgaben zurück. Verfilmungen – sei es Disney oder opulentes Hollywood-Kino – sind ebenso zu meiden wie Comic oder Graphic Novels, wenn man wirklich etwas begreifen will. Bei den Märchen sind die alten Volksmärchen den späteren Kunstmärchen vorzuziehen. Eine Ausnahme sei erwähnt: Einen hervorragenden Zugang zur Gedankenwelt der alten Märchen bilden Wolf-Dieter Storls Märcheninterpretationen (Aschenputtel, Schneeweißchen und Rosenrot, Aschenputtel) als Hörbuchfassungen. Storl kommt den Ursprüngen näher als die meisten anderen.
Foto: Lutz Meyer