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Mindset und St ellschrauben

Wenn es im Unternehmen irgendwo hakt, wird man früher oder später immer auf eine menschliche Ursache stoßen: Da ist jemand nicht motiviert genug, hier fehlt es am Fachwissen, dort gibt es eine offensichtliche Fehlbesetzung. Abhilfe muss her – man erklärt, an Stellschrauben drehen zu wollen, Knöpfe zu drücken, Schalter im Kopf umzulegen. Oder es soll gar gleich ein neues Mindset her. Solche Vorstellungen sind zugleich technokratisch und naiv und funktionieren im Unternehmensalltag nie.

Mindset und Schrauben: Die technokratische Vorstellung vom Menschen

Wann immer ich versucht habe, in einem menschlichen Gegenüber oder in mir selbst Stellschrauben, Knöpfe und Schalter zu finden, blieb meine Suche ergebnislos. Den Gipfel der Unmöglichkeit aber stellt das neue Mindset dar. Ein Mensch funktioniert nicht so, wie er soll? Kein Problem – tauschen wir mal eben sein Mindset aus und sorgen danach für regelmäßige Updates. Am Ende solcher Vorstellungen steht dann der gechipte und steuerbare Mensch, 24/7 mit Künstlicher Intelligenz versorgt. Das organische Restmaterial „Mensch“ kann dann nach und nach auch durch weniger störanfällige Materialien ersetzt werden. Und schon ist die sogenannte Singularität erreicht: Der Mensch hat sich durch eine überlegene Technik abgeschafft, die fortan sich ohne menschliches Zutun entwickeln wird. Und das Wenige, was durch Technik niemals ersetzt werden kann – eine fühlende Seele – erscheint aus technokratischer Sicht ohnehin entbehrlich.  Doch mit der Vorstellung verstellbarer Schrauben, drückbarer Knöpfe und umzulegender Schalter fing das alles einmal an.

Die blinde Führungskraft

Inmitten solcher Prozesse steht die Führungskraft. Ihre Aufgabe wäre es, wie der Name schon sagt, Menschen zu führen. Allzu oft findet man diese Position jedoch von einem Menschen besetzt, der niemals darüber nachgedacht hat, was Führung bedeutet und der leider auch keine geborene Führungspersönlichkeit ist. Was er nicht versteht: Große Klappe, unternehmerisches Gehabe, eine entsprechende Stellenbeschreibung und ein hohes Einkommen als Beweis der Qualifikation machen noch keine Führungskraft. Solche Führungskräfte sind blind für die menschliche Wirklichkeit. Ihnen fehlen der Blick und das Gespür dafür, was den Menschen eigentlich ausmacht. Und so kommen diese Manager dann auf den Gedanken, bei ihren Beschäftigten an Schrauben drehen oder ein Mindset austauschen zu wollen. Im Privatleben sind solche Menschen übrigens ebenfalls auf Äußerlichkeiten reduziert: Sie sind, was sie haben. Aber mit Blick auf wahres Menschsein sind sie doch Habenichtse. Sie haben keine wahrhaftigen Gefühle, sie leben Gefühlsklischees. Zur blinden Führungskraft gehört jedoch auch immer der Untergebene, der bereit ist, ihr blind zu folgen, also die Masse der Arbeitnehmer.

Die blinde Masse

Auch die Beschäftigten sind überwiegend blind. Befragt man sie nach dem Sinn ihrer Tätigkeit, nach dem Warum, läuft es meist auf das Geldverdienen hinaus. Wer sich solchermaßen selbst auf die Funktion reduziert, wird auch durch teures Team-Building nicht weiter zu motivieren sein. Wollte man an seinen Stellschrauben drehen, würde dieser Beschäftigte sicherlich einwilligen, sofern damit eine Bestandsgarantie für seinen Arbeitsplatz oder gar eine bessere Bezahlung einherginge. Was aber auch ihm meist völlig abgeht, ist Wahrhaftigkeit im Denken und Fühlen und ein Gespür dafür, was Mensch zu sein wirklich heißt (die fühlende Seele ist nur ein erster Hinweis). Seine Führungskraft ist ihn in einem Punkt Vorbild, auch wenn er sie sonst verachtet: Haben ist das wahre Sein.

Eine neue Führungskultur

Möchte man einen echten Wandel, wird man nicht umhinkönnen, sich von der gewohnten Vorstellung einer Führungskraft zu verabschieden. Weg mit Stellschrauben, Knöpfen, Schaltern und Mindsets! Die entscheidenden Qualifikationen wären: Menschlichkeit, Wahrhaftigkeit, weitgehendes Desinteresse an Äußerlichkeiten, Unempfänglichkeit für das Blendwerk reiner Zahlenerfolge. Und eine entwaffnende Offenheit für das, was uns Menschen tatsächlich ausmacht und auch liebenswert macht. Und das wäre was? Das, liebe Leserin, lieber Leser, wäre herauszufinden. Von dir.

 

Foto: Lutz Meyer

 

Lutz Meyer ist Texter und Autor. Schwerpunktthemen sind Gesundheit, Bauen und Philosophie.