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Gänse im Grünwerkstätten Gartencafé

St. Martin und Weihnachten rücken näher – für Gänse beginnt jetzt eine harte Zeit. Die meisten von ihnen werden, mehr oder minder gut zubereitet, als Festspeise auf den Tellern von Leuten landen, die über die mythologische Bedeutung der Gans rein gar nichts wissen. Wüssten sie es, würden sie ihrem Braten vielleicht mit ein wenig mehr Respekt verzehren. Niemals, wirklich niemals sollte man eine Gans als dumm bezeichnen (auch nicht, wenn eigentlich ein dummer Mensch weiblichen Geschlechts gemeint ist).

Die Gans in grauer Vorzeit und Antike

Wahrscheinlich war die Gans schon den Menschen in uralten Zeiten aufgefallen als Tier von großer Kraft und Ausdauer, das gewaltige Distanzen überwinden konnte. Vielleicht war sie im schamanischen Glauben eine Art Seelenführer, der half, Botschaften aus der Welt der Ahnengeister zu übermitteln, also ebenfalls über eine gewaltige Distanz.

Später galt die Gans auch den alten Indern, Griechen, Germanen und Kelten gleichermaßen als Tier von hoher Bedeutung. In Indien war sie das Reittier des Schöpfergottes Brahma. Sie steht für die geistige Welt.

In Griechenland war die Gans Persephone zugeordnet, Tochter der Demeter und Göttin der Unterwelt, der Toten und der Fruchtbarkeit. Die Germanen opferten Odin Gänse, verzehrten sie wohl auch selbst schon immer gern.  Der Vogel diente als Botin der Muttergöttin, der Perchta bzw. Frau Holle. Weil der Beifuß ein heiliges Kraut der Holle war, stopft man den Gänsebraten auch heute noch mit diesem würzigen Kraut (freilich ohne den Zusammenhang zu verstehen, der weit darüber hinausgeht, dass das Kraut den fetten Braten bekömmlicher macht).

Gänsefedern symbolisieren im Märchen den Schnee – Goldmarie schüttet Frau Holles Betten und es schneit auf Erden. Und es waren Gänse, die die Römer vor einer gallischen Invasion warnten.

Perfides Christentum

Im frühen Christentum schließlich standen die weißen Federn für Unschuld und Reinheit. Der Brauch der Martinsgans wird darauf zugeführt, dass der eingangs erwähnte St. Martin sich, um nicht zum Bischof geweiht zu werden, in einem Gänsestall versteckt haben soll.

Das muss man sich vorstellen: Da gewähren die Gänse einem Menschen Schutz und Zuflucht – und dessen Nachfahren danken es den Tieren damit, dass sie deren Nachkommen in Massentierhaltung aufziehen, sie schlachten, braten und auffressen und sie ansonsten keines Gedankens würdigen. Der Schutzheilige der Gänse ist St. Martin wahrlich nicht.

Den im Bild gezeigten Gänsen bleibt dieses Schicksal übrigens erspart. Sie werden bis ans natürliche Ende ihrer Tage auf dem Gelände des Grünwerkstätten Gartencafés bei Altenberge leben.

Foto: Lutz Meyer

 

Lutz Meyer ist Philosoph und Autor. Sein wichtigstes Thema: die Lebenskunst. Mehr hierzu auf besser-mit-kunst.de Auch interessant: wort-und-bogen-de