Vorbemerkung: Dieser Text von mir erschien im Original in der Sezession 76…

Jedes Leben hat seine prägenden Ereignisse – Momente also, die eine Art Weckruf darstellen und die für den weiteren Verlauf von übergeordneter Bedeutung sind. Bei mir sind das unter anderem die Momente, in denen ich Hank Williams und Martin Heidegger zum ersten Mal begegnete.
Eine absolut unwahrscheinliche Verbindung
Als ich Hank Williams mit ca. 12 Jahren hörte, begriff ich sofort, was Country Music wirklich ist: sie ist ein Spiegel des Lebens, der das Leben ungeschönt zeigt und seine melancholischen, düsteren Seiten nicht verbirgt. Als ich Martin Heidegger mit ca. 20 Jahren las, begriff ich, was Philosophie wirklich ist: auch sie ist ein Spiegel des Lebens. Die Philosophie – so sie echt ist – leuchtet den Menschen bis in seine tiefsten Abgründe aus. Besser als jede Psychologie das vermag.
Ich sann darüber nach, ob es zwischen dem Countrysänger und dem deutschen Philosophen sonst noch Gemeinsamkeiten gab. Der eine in ärmlichen Verhältnissen im tiefsten Alabama geboren und auf dem Höhepunkt seines Ruhms mit nicht einmal 30 Jahren gestorben. Der andere in ebenfalls einfachen Verhältnissen im tiefsten Schwaben geboren, später im Schwarzwald eingewurzelt und dabei sehr alt geworden. Heidegger stand allem, was aus den USA kam, mit tief empfundener Abneigung, vielleicht sogar mit Abscheu gegenüber. Und umgekehrt hätte Williams mit deutscher Philosophie wahrscheinlich nicht allzuviel anzufangen gewusst. Zyniker würden vielleicht anmerken, dass die Hervorbringungen des einen wie des anderen ziemlich kitschig seien, doch was weiß schon der Zyniker.
Sowohl der Musiker (den man durchaus als Dichter bezeichnen kann) als auch der Denker blieben zeitlebens ihren ländlichen Wurzeln treu. Beide genossen ihren Ruhm, beide waren Superstars ihrer jeweiligen Zunft, beide waren der ehelichen Treue nicht sonderlich zugetan. Der eine war ein ideenreicher Songschreiber, der andere ein ebenso ideenreicher Denker und Sprachvirtuose. Beide liebten die Einfachheit – der eine die der Musik, der andere die des Denkens. Wobei Einfachheit nicht verwechselt werden sollte mit Kinderkram. Nein, das Einfache ist das Anfängliche und Ursprüngliche und in seiner Schlichtheit zugleich das Schwierigste. Dass der eine „I saw the LIGHT“ schrieb und sang, während der andere von der „LICHTung des Seins“ sprach, die zu sehen die vornehmste Aufgabe des Denkens und Dichtens sei, könnte Gegenstand einer weitaus tiefsinnigeren Erörterung sein, die ich aber mir und meinen Lesern an dieser Stelle gern erspare.
Ehe mich wieder besorgte Zuschriften von Lesern erreichen: So ganz ernst gemeint ist das alles natürlich nicht. Wobei das oben Geschriebene aber schon einen wahren Kern hat. Ich schätze beide außerordentlich. Williams als Songschreiber und Musiker, Heidegger als Denker. Beide begleiten mich seit Jahrzehnten. Und beiden habe ich viel zu verdanken. Das musste einmal gesagt werden.
Foto: Lutz Meyer