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Apfel

Ist dieser Apfel echt? Ceci n’est pas une pomme, könnte man in Anlehnung an Magrittes Pfeife sagen. Das ist kein Apfel, sondern das Bild eines Apfels. Das Bild ist nicht essbar, es ist auch keinerlei sonstige sinnliche Erfahrung möglich. Mehr noch: Es ist noch nicht einmal ein echtes Bild, entstanden aus Farbe und Pinselstrichen auf Leinwand. Dieser Apfel ist ein fotografisch digitalisierter Apfel. Dieser Apfel ist nicht echt. Doch was heißt das: echt?

Je weiter der Mensch sich von den natürlichen Lebensgrundlagen entfernt, desto stärker wird seine Sehnsucht nach dem Echten, Unverfälschten, Natürlichen, Authentischen. Aber was heißt das? Das Echte hat viele Gesichter. Es sind zumeist freundliche Gesichter: Echter Geschmack, echter Genuss, echte Handarbeit, echte Kunst, echte Gefühle. Wer wollte da dankend ablehnen?

Spätestens seit der Gründung des Handelsunternehmens Manufactum im Jahr 1987 wird das Echte gern mit dem Althergebrachten assoziiert, mit dem, was und wie es früher war („Es gibt sie noch, die guten Dinge“). Die guten, alten Zeiten eben, in denen noch alles echt war. Oder etwas echter jedenfalls. Denn auch dieses Echte war und ist im Grunde nur etwas weniger künstlich – also Manufakturarbeit statt Maschinenarbeit, natürliche Duftstoffe statt synthetisch produzierter und wenn schon Kunststoff, dann wenigstens Bakelit.

Echter Luxus

Besonders nachgefragt ist das Echte im Lebensmittelsektor. Aus gutem Grund: Weil synthetische Aromen nicht nur bedeutend billiger sind als der natürliche, der echte Geschmack, sondern auch dem entsprechend trainierten Massengeschmack besser munden, fälschen die Lebensmittelkonzerne Geschmackserlebnisse, was das Zeug hält. Sensiblere Konsumenten wenden sich mit Grausen und suchen den unverfälschten Geschmack.

Sie finden ihn zum Beispiel dort, wo fernab der Massentierhaltung alte Nutztierrassen in kleiner Herde auf saftiger Weide grasen dürfen. Dieses Fleisch hat einen intensiveren Geschmack als die fade, wässrige Konkurrenz aus der Supermarkttheke. Auch alte Obst- und Gemüsesorten stehen hoch im Kurs. Ganz zu schweigen vom Brot, nach überlieferter Rezeptur nur aus wenigen Grundzutaten und ohne Hilfsstoffe gebacken.

Wer wollte dagegen etwas sagen? Selbstverständlich hat das Echte seinen Preis. Weil das Echte überdies knapp ist und nicht zur Massenware taugt, bleibt es ein Nischenprodukt. Doch woher nun die Sehnsucht nach dem Echten?

Das Natur-Echte als Bedrohung

Der Mensch verdankt seinen evolutionären Erfolg, der ihn vom Beuteobjekt zahlreichen Raubzeugs zur Krone der Schöpfung aufsteigen ließ, vor allem seinem Bemühen, wo immer es nur möglich war, sich von der Natur zu emanzipieren. Doch jeder emanzipatorische Schritt war immer auch ein Schritt in Richtung Künstlichkeit, also weg vom Echten. Irgendwann dämmerte uns Menschen wohl, dass wir es mit diesem „Weg von der Natur“ wohl übertrieben haben. Seit Mitte des 18. Jahrhundert erscholl daher immer öfter der Ruf „Zurück zur Natur“, womit freilich nie gemeint war, dass man sich wieder auf die evolutionäre Stufe der frühen Altsteinzeit begeben wollte. Das „Zurück zur Natur“ verstand sich selbsterzieherisch und meinte vor allem ein „Zurück zur menschlichen Natur“, also eine Rückbesinnung auf das Wesen des Menschen, auf dass dieser dann im Einklang mit seiner weitgehend gezähmten natürlichen Umgebung in voller Glückseligkeit zu leben verstünde.

Nun besteht aber die Natur des Menschen gerade darin, sich ständig zu optimieren und von der ihn umgebenden Natur unabhängiger zu machen. Diese Natur scheint nämlich als etwas grundsätzlich Feindliches erlebt zu werden – als Hort elementarer Gewalten, denen der Mensch schutzlos ausgeliefert ist und gegen die er sich mit allen ihm zu Gebot stehenden Mitteln wappnen muss.

Dabei ist es nicht immer einfach, zwischen elementaren und vom Menschen selbst gemachten Gefahren zu unterscheiden. Am Beispiel Corona lässt sich das gut nachvollziehen. Ursprünglich wurde uns Corona als auf natürliche Weise (Zoonose) entstandenes Virusgeschehen verkauft. Mittlerweile deutet alles auf einen labortechnischen Ursprung hin. Da mochte es nur als folgerichtig erscheinen, wenn man versucht, die so herbeigezüchtete Krankheit durch neuartige gentechnische Impfstoffe in den Griff zu bekommen. Deren Anspruch und Ziel ist es, das natürliche, über Jahrmillionen entstandene und ständig optimierte Immunsystem durch etwas Synthetisches auszuhebeln und den Menschen abhängig von einem pharmazeutischen Produkt zu machen. Ordnet man das in ein Gesamtbild ein, so erscheint Corona als Etappe auf dem Weg zum Transhumanismus: das natürliche biologische System wird durch Biotechnologie ersetzt. Wie sich die Sehnsucht nach dem Echten später wohl einmal in Gesundheitsdingen aussprechen mag? Sehnt man sich dann nach Pest und Cholera zurück?

Echte Gefühle

Die Frage ist, ob dem Menschen im Zuge seiner transhumanistischen Kernsanierung noch etwas herkömmlich Menschliches bleiben wird. Als menschlich gelten heute nicht zuletzt Gefühle – tiefe, echte, große Gefühle, kurzum: Leidenschaften. Diese Leidenschaften können hegend, aufbauend und sorgend sein, aber auch zerstörend. Himmelstürmende Liebe und höllentiefer Hass und alles, was dazwischen ist, gelten als zutiefst menschlich – und als solches könnte es das Ideal eines technokratisch konditionierten Übermenschen empfindlich stören.

Gesetzt nun, dass wir auf dem Wege unserer transhumanistischen Wesensoptimierung tatsächlich noch ein Weilchen voranschreiten – wird man Gefühle hirnchirurgisch wegoperieren, mittels elektronischer Implantate kastrieren oder sie chemisch-pharmazeutisch sedieren? Das nötige Wissen hat man längst. Falls ja, wäre – da auch die Sehnsucht ein Gefühl ist – der Drang zum Echten dann endlich hinfällig geworden. Wir hätten keinerlei Begriff mehr davon, was das Echte überhaupt ist und warum es begehrenswert sein soll.  Nahrung als Genuss? Vernachlässigbar, denn Nahrung ist Treibstoff und dient nur dem Zweck, den Organismus am Laufen zu halten. Liebe zwischen zwei Menschen? Nicht nötig, denn Fortpflanzung geschieht ausschließlich im Labor. Vernichtender Hass? Längst zur Sache von Algorithmen geworden. Man ahnt es: Auf dem Weg zum technokratischen Übermenschen werden wir alles Menschliche hinter uns lassen. Auch die Kunst?

Kunst: echt oder künstlich?

Kunst ist ihrem Wesen nach gerade nicht echt, sondern immer eine Auseinandersetzung mit dem Echten. Darin bleibt sie notwendig etwas Künstliches. Welches Verhältnis hat das Kunstwerk zum Echten?

Machen wir es uns mal einfach: Klassische Kunst bildet ab – Menschen, Dinge, Landschaften, zweidimensional als Gemälde, dreidimensional als Skulptur. Man spricht dann von darstellender Kunst. Je ähnlicher die Darstellung, als desto gelungener gilt sie. Doch ist Kunst deshalb reine Nachahmung? Bekanntlich gibt auch eine Kunstrichtung, die nichts aus der uns vertrauten Welt darstellen will: die abstrakte oder auch modern genannte Kunst. Auch sie stellt etwas dar, nur verzerrt, durch die besondere künstlerische Wahrnehmung in der Wiedergabe stark verändert, losgelöst von der natürlichen Form.

Weder die klassische noch die abstrakte Kunst ist Nachahmung des Echten oder will es auch nur sein – sie ist Verdichtung des Wahrgenommenen, bringt etwas auf den Punkt, stellt das Wesentliche, die Substanz dar. Doch gerade so bringt sie uns dem Echten auf seltsame Weise näher.

Nachahmung in der Kunst findet eigentlich nur dort statt, wo etwas plagiiert oder kopiert oder aus Gewinnstreben schlicht gefälscht wird. Doch dort, wo Kopisten am Werk sind, ist auch der Bezirk der Kunst im Sinne der Verdichtung des Wesentlichen verlassen. Wie nähert man sich dem Echten, dem Unverfälschten und Unverstellten in der Kunst?

Baudelaire sah im Gebrauch von berauschenden Substanzen wie Haschisch oder Opium Eintrittskarten in künstliche Paradiese – Bezirke der Wahrnehmung, die eine als unzureichend und dürftig erscheinende reale Welt transzendieren, von denen aus der Dichter und Künstler Einblicke in Substanzielleres erhalten kann. Hier treffen wir die Verdichtung des Wesentlichen, des Essenziellen, die Annäherung an das Echte an. Transhumanistischen Gebilden freilich wird auch dies nicht mehr möglich sein, denn so etwas wie das Echte oder Wesentliche existiert für sie schlichtweg nicht mehr.

Also bleiben wir doch lieber in aller Dürftigkeit und mit allen Mängeln doch dem Echten zugewandt. Bleiben wir Menschen.

 

Foto: Lutz Meyer

Lutz Meyer ist Philosoph und Autor. Sein wichtigstes Thema: die Lebenskunst. Mehr hierzu auf besser-mit-kunst.de Auch interessant: wort-und-bogen-de