Fesselnde Texte nehmen einen gefangen, man liest nahezu atemlos von der ersten…

Carl Gustav Jung sondierte mit dem kollektiven Unbewussten eine Tiefenschicht des Bewusstseins, in der nicht nur alle Menschen, sondern auch nichtmenschliche Lebewesen über einen gemeinsamen Urgrund miteinander verbunden sind. Dort lassen sich Archetypen finden, universelle Urbilder und Grundmuster der Seele.
Ernst Jünger erkannte im Ungesonderten etwas dem kollektiven Unbewussten sehr Ähnliches, nur dass das Ungesonderte noch umfassender ist. Es ist der Urgrund für alles, was als Sonderung erkennbar ist: Menschen, Tiere, Pflanzen, Mineralien, Landschaften, Kosmos. Jungs Archetypen entsprechen Jüngers Gestalten – beide sind höhere Formen der Anschauung.
Psychoanalyse ist nicht der einzige Weg
Der Psychiater und Psychoanalytiker Carl Gustav Jung wusste durchaus um die Beschränktheit seines Faches. Wie Ernst Jünger kannte er mehrere Schlüssel, um das kollektive Unbewusste und mit ihm auch die Weltenseele aufzuschließen.
Traum, Rausch, Meditation, Todesnähe sowie die Kunst führen die menschliche Seele an den Urgrund heran und damit an das, was alles irgendwie Existierende eint. So entstehen Verbindungen, die jede zuvor von den Wissenschaften gesetzte Grenze transzendieren und sprengen. Als Mensch kann ich mich mit dem Ammoniten aus der Kreidezeit verbinden. Mein Bewusstsein erkennt das innere Wesen eines Schmetterlings, erfasst das Kristalline und das Pflanzliche ebenso wie amorphe Strukturen. Dem Wesen der Pflanze nähern wir uns weniger mit Mikroskop und Laboranalytik als vielmehr über die Pflanzen-Devas – Wolf Dieter Storl hat hierzu geforscht und vieles erlebt.
Jener Klumpen Urschleim im warmen Moor, den Gottfried Benn so sehnsuchtsvoll besang, wäre ebenfalls etwas, das wir selbst einmal waren und tief in unserem Inneren immer noch sind:
Oh, dass wir unsre Ur-ur-ahnen wären.
Ein Klümpchen Schleim in einem warmen Moor.
Leben und Tod, Befruchten und Gebären
Glitte aus unseren stummen Säften vor.
Ein Algenblatt oder ein Dünenhügel:
Vom Wind geformtes und nach unten schwer.
Schon ein Libellenkopf, ein Möwenflügel
Wäre zu weit und litte schon zu sehr.
Kunst als Verbindung mit allem
Echte Kunst erkennt man daran, dass sie sich dem Ungesonderten, dem kollektiven Unbewussten, annähert. Ihre Mittel sind vielfältig. Die Gestaltung in Bild und Skulptur gehört ebenso dazu wie die Dichtung, die Musik, der Gesang, der Tanz, das Theater. In allen Fächern gilt: Je ursprünglicher in der Form eine Kunst ist, desto dichter ist sie bei den Anfängen. Je akademischer und intellektueller alles wird, desto mehr entfernt sie sich von ihnen.
Ob wir es mit echter Kunst zu tun haben oder nur mit Deko, Unterhaltung oder Kunsthandwerk, ist schnell spürbar. Was zu spüren ist: Die Energie, das Kraftfeld, das pulsierende Zentrum, das sich im Kunstwerk zeigt und Zeichen der Verbindung mit dem Ungesonderten, dem kollektiven Unbewussten, den Gestalten und Archetypen ist. Sodann die Schwingungen oder auch Strahlungen, in denen das Werk diese Energie aussendet, ausstrahlt, und schließlich die Frequenz, also die Geschwindigkeit, Taktung, Häufigkeit, in der mich die Schwingungen erreichen. So gesehen kann alles, was ist, als Kunstwerk aufgefasst werden, hinter dem ein gestaltendes Prinzip steht. Der größte Künstler wäre die Natur.
Foto: Lutz Meyer