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Fesselnde Texte sind Texte, die man förmlich aufsaugt. Der Leser liest atemlos von der ersten bis zur letzten Zeile. Fesselnde Spiele im Bondage-Stil können dafür sorgen, dass die Bindung zwischen den Partnern wächst.

Fesselungen, die darüber hinaus gehen, sind eher von Übel. Der Gefesselte ist in der Position der Machtlosigkeit, derjenige, der den anderen gefesselt hat, ist in der Position des Mächtigen. Solche Fesselungen gehen auch ganz ohne Seil, Ketten oder Handschellen und sind gerade in Paarbeziehungen gar nicht mal so selten. Man ist durch äußere Umstände, durch Kinder, durch ökonomische Zwänge, durch seelische Abhängigkeit aneinandergekettet, die Befreiung fällt schwer oder wird als gänzlich unmöglich empfunden. Man war die Bindung freiwillig eingegangen, nun wird sie zur Last.

Ein spezieller Fall der Selbstfesselung auf politischer Ebene ist die sogenannte Brandmauer, mittels derer sich die ehemalige Volkspartei CDU auf Gedeih und Verderb linken und linksextremen Parteien ausliefert. Langsam aber sicher bringt diese Partei sich damit in die Nähe der Selbststrangulation. Nun, immerhin kann so eine Selbststrangulation dem Vernehmen nach eine letzte Erektion auslösen. Wartet die CDU vielleicht darauf?

Fesselung als Symbol der Gefangenschaft

Sieht man von solch tragikomischen Akten der Selbstfesselung ab, wird üblicherweise ein gefangener Verbrecher in Fesseln oder Ketten gelegt, um vor den Richter oder an den Galgen gebracht zu werden. Die Fesselung ist Symbol seiner Ohnmacht. Die Fesselung zeigt den Totalverlust der Freiheit an, ist Demütigung des Gefesselten und zugleich eine Botschaft an die Außenwelt: Werdet nicht so wie er, sonst wird es euch ergehen wie ihm.

Mythische Fesselungen

Der Mythos kennt mehrere prominente Beispiele der Fesselung. Schauen wir uns mal einige an.

Prometheus wurde, nachdem er den Göttern das Feuer gestohlen und es den Menschen gebracht hatte, zur Strafe an einen Felsen geschmiedet. Dort suchte ihn Tag für Tag ein Adler auf, um an seiner Leber zu fressen., Die regenerierte über Nacht, sodass die Qualen sich täglich erneuerten.

Man mag auch an die Liebesgöttin Aphrodite und den Kriegsgott Ares denken, die einander leidenschaftlich zugetan waren. Eines Nachts wurden sie von Aphrodites Gemahl Hephaistos in flagranti erwischt und von diesem mittels der sie fesselnden Fäden eines unzerstörbaren Netzes gefaangen und den anderen Göttern zur Belustigung preisgegeben.

Auch Eros wurde in der antiken Kunst zuweilen gefesselt dargestellt: die Schmerzen der Liebe halt und die Zähmung der Triebe. Aber womöglich wollte jemand, der von Eros schwer genervt war, ihn einfach nur an weiteren Taten hindern.

Im nordischen Mythos sind das unbändige Chaos und das Weltendende in der Gestalt des Fenriswolfes verkörpert. Den Göttern gelang es zwar, das Ungeheuer mittels einer List (und der Opferung von Tyrs Arm) zu fesseln. Doch auch im Mythos ist nichts von Dauer: Als der Weltuntergang kam, zerriss Fenris seine Fesseln und verschlang den Göttervater Odin.  Der wegen seiner Intrigen gefürchtete nordische Gott Loki war einst von den anderen Göttern ebenfalls in Fesseln gelegt worden. Auch er kam erst zu Ragnarök frei.

Im Hinduismus und Buddhismus wird die materielle Welt, die Welt der Eitelkeiten, Täuschungen und Begierden, zuweilen als Fesselung beschrieben. Diese Fesseln führen dazu, dass die Seele dauernd wiedergeboren wird. Erst nach ihrer Läuterung (also ihrer Entfesselung von allen Begierden durch Askese und göttliche Erleuchtung) winkt die ewige Erlösung im Nirwana oder Moksha.

Fesselung versus Bindung

Eine Fesselung ist keine Bindung und eine Bindung keine Fesselung. Bindungen sind freiwillig. Man kann sich an einen Menschen binden, ohne sich gefesselt, d.h. unfrei zu fühlen. Bindungen schaffen Beständigkeit, Zuverlässigkeit, Vertrauen. Jede Bindung setzt aber auch Vertrauen voraus.

Paarbeziehungen, Familie, Freundeskreise, Unternehmen, Bündnisse und Nationen beruhen auf Bindung. Jede Bindung ist ein Bündnis, also ein Versprechen, für den anderen einzutreten, jederzeit und ohne Bedingungen.

Im Alltag wird dieses Ideal selten erreicht, setzt es doch auch Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Authentizität voraus. Fehlt dies, wird eine Bindung zur Fesselung. Und mit der Fesselung mag der Wunsch entstehen, die Fesseln zu sprengen, sich von den Fesseln zu befreien.

Befreiung

Nicht immer gelingt die Befreiung aus eigener Kraft – Prometheus musste auf Herakles warten, der seine Fesseln schließlich löste (im Einverständnis mit Zeus). Mitunter kämpft auch ein ganzes Volk um seine Befreiung vom Joch der Tyrannei. Nicht immer, aber oft muss ein von außen hinzukommender Befreier Unterstützung leisten.

Aber wie sieht es in der Paarbeziehung aus? Auch hier kann die Befreiung von außen kommen durch jemand Neues. Die Befreiung aus einer Beziehung scheint leicht zu sein. Es mag zwar einige, eingangs erwähnte Hindernisse geben. Doch lassen die sich meist beseitigen. Einer Befreiung aus weitgehend eigener Kraft steht also nichts im Wege. Fast nichts.

Denn ein Mensch, der sich einmal hat in Fesseln legen lassen, wird dies mit großer Wahrscheinlichkeit wieder tun. Die Fesseln werden beim nächsten Mal vielleicht anderer Art sein. Aber am Grundsätzlichen ändert sich nichts. Es wird also eine Klärung nötig sein, was eine Fesselung überhaupt möglich machte. Und oft genug braucht der Mensch gar keinen Partner, um sich fesseln zu lassen. Menschen fesseln sich selbst, ihre Ketten sind meist selbstgeschmiedet. Hier wäre anzusetzen.

 

Foto: Lutz Meyer

Lutz Meyer ist Philosoph und Autor. Sein wichtigstes Thema: die Lebenskunst. Mehr hierzu auf besser-mit-kunst.de Auch interessant: wort-und-bogen-de