Wir erleben seit einigen Jahren eine starke Polarisierung der öffentlichen Meinung. Auf…

Vertreibung, Flucht, Auswanderung, Formen moderner Mobilität: Entwurzelung gehört zum Menschsein dazu. Die Ursachen sind vielfältig: Krieg, Seuchen, Hungersnöte, Hoffnung auf ein besseres Leben, Abenteuerlust, Individualismus. Die Entwurzelten erleben ihr Entwurzeltsein zwar oft, aber nicht zwangsläufig als ein Unglück. Entwurzelung kann sogar mit gesteigerter Lebenslust und einem Zuwachs an Fülle einhergehen.
Was macht die Entwurzelten zu Entwurzelten?
Der Begriff Entwurzelung ist dem Pflanzenleben entlehnt: Die Pflanze lebt und gedeiht, solange sie mit ihren Wurzeln dort bleibt, wo sie gekeimt hat, wo sie entstanden ist. Wird die Pflanze entwurzelt, wird sie aus dem Boden gerissen, ist ihre Verbindung zur nährenden Erde gekappt. Man kann eine entwurzelte Pflanze zwar anderswo wieder einpflanzen, meist aber bekommt es ihr nicht gut. Ihr Wachstum ist unterbrochen, sie muss sich neu einwurzeln. Manchmal ist der neue Standort extrem ungünstig, dann geht die Pflanze ein. Nun ist der Mensch keine Pflanze, sondern von Natur aus mobil. Die Fähigkeit zur Ortsveränderung ist ein Wesensmerkmal.
Entwurzelung beim Menschen bedeutet, dass er sich aus dem heimatlichen Umkreis entfernt, um sich anderswo niederzulassen. Heimat ist der Ort, an dem er geboren wurde und aufgewachsen ist, an dem vielleicht schon Generationen seiner Ahnen lebten. Mitunter wird das Verlassen der Heimat als schmerzlich empfunden, oft aber auch als Befreiung und Ausweitung der Möglichkeiten erlebt.
Das Zeitalter der Entwurzelung
Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass die Wanderung von einem Ort zum anderen für Menschen nicht die Ausnahme ist. Historische Wanderungsbewegungen betrafen nicht nur Individuen, sondern ganze Stämme und Völker. Und sie vollzogen sich über Jahrhunderte.
Eine besondere Dynamik ging von den europäischen Völkern aus. Die europäische Völkerwanderung hat Reiche zerstört und Reiche gegründet. Seit dem 16. Jahrhundert breiteten die Europäer sich zunehmend über die ganze Welt aus. An manchen Orten fassten sie besser Fuß als an anderen. Insbesondere die Auswanderung nach Nordamerika war sehr erfolgreich. Die Einwanderer vertrieben oder dezimierten die einheimische Bevölkerung, soweit sie der eigenen Niederlassung im Wege stand. So entstanden die USA, eine Nation der Entwurzelten.
Entwurzelung und Globalisierung
Die USA sind ein Paradebeispiel dafür, dass der Entwurzelungsprozess erfolgreich sein kann: Das Lebensgefühl ist raumergreifend und auf Ausdehnung bedacht. Man schlägt in der neuen Heimat auch nicht Wurzeln, sondern bleibt mobil. Mobilität innerhalb des eigenen Landes ist kaum irgendwo so verbreitet wie in den USA. Wer vorankommen wollte, wechselte alle paar Jahre nicht nur den Job, sondern auch den Wohnort. Doch dabei blieb es nicht. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts sind die USA bestrebt, ihr Lebensmodell der Entwurzelung über den gesamten Globus auszubreiten. Entwurzelung wurde zum folgenreichsten amerikanischen Exportprodukt. Diese Entwurzelungskampagne trug keineswegs nur aggressive Züge. Im Gewand der Hippie-Bewegung etwa wurde Entwurzelung als freundliche, liebenswerte Befreiung von den Zwängen und Glaubenssätzen der modernen Gesellschaft über weite Teile der Welt verbreitet.
Heute erfasst die Entwurzelung in einem nie gekannten Ausmaß fremde Kulturen und zieht sie einen ungeheuren Sog, als dessen Höhepunkt wir die ungezügelte Massenmigration unserer Tage ansehen dürfen. Aggression, Gewalt und Eroberungssucht kennzeichnen das Entwurzelungsgeschehen des frühen 21. Jahrhunderts. Der finale Schritt der Entwurzelung würde die Eroberung fremder Planeten sein. Das wäre die Entwurzelung, bei der der Mensch aufhört, Mensch zu sein.
Foto: Lutz Meyer