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Klangfarben und Farbenklang

Bilder nimmt man mit den Augen wahr, nicht mit den Ohren. Doch es gibt Ausnahmen: Bilder, die beim Betrachten nicht nur leuchten, sondern auch zu klingen scheinen. Man meint, Töne wahrzunehmen, Melodien. Solche Tiefenwahrnehmung geht von den Bildern von Egle Pakarklyte aus. Hier wird Farbe zum Klang.

Klangfarben und Farbenklang: Die Doppeldeutigkeit von Tönen

Im Wort „Klangfarbe“ klingt sie schon an, die Doppeldeutigkeit: Klang hat eine Farbe so wie Farbe einen Klang hat. Tiefe Töne harmonieren mit dunklen Farben, hohe Töne mit hellen. Oder ist es manchmal umgekehrt? Auch im Begriff „Ton“ schwingt die doppelte Bedeutung mit: Der Farbton hier, der hörbare Ton dort.

Farben bilden im Zusammenspiel ebenso Harmonien aus wie Klänge. Um Farben zu sehen, brauchen wir Licht. Um Töne zu hören, Luft – im luftleeren Raum gibt es keinen Klang, Schallwellen benötigen Luft als Übertragungsmedium. Licht und Luft also sind die Vorbedingung, ohne die wir weder Farben sehen noch Töne hören. Das Lichte vielfältiger Farben und das Luftige der Formen, das Sichtbare als auch Hörbares finden wir in den Bildern von Egle Pakarklyte.

Organische Formen und ihr Klang

Die Bilder der in Litauen geborenen Künstlerin zeigen meist organische Formen, wie die Natur sie hervorbringt: Blüten, Pilze, Früchte, Vögel, Insekten, menschliche Körper. Und doch ist da auch etwas Befremdendes unter den uns bekannt vorkommenden Gestalten – es ist die fließende, anmutige Bewegung, sie löst gewohnte Formen auf und versetzt das Vertraute in Schwingungen und bringt es so zum Tanzen.

Keine Bilder also, auf dem das Auge sich ausruhen kann. Das Auge nimmt die Schwingung, die Bewegung wahr, schickt es ins Gehirn. Dort löst das Wahrgenommene eine Art Begleitmusik aus – für die Ohren eigentlich nicht wahrnehmbar, aber dennoch hörbar im inneren Resonanzraum. Formen wandeln sich, Farben werden zu Tönen.

Die Töne und Klangfarben fügen sich zu einem Orchester, das zum Tanz aufspielt. Helle Flötentöne, der warme Gesang einer Geige, das Hallen eines Gongs und das Brausen einer Orgel. Es sind keine vertrauten Melodien, die da den Innenraum der Wahrnehmung durchschweben, es ist etwas nie zuvor Gehörtes. Und jeder Betrachter hört wahrscheinlich eine andere Melodie.

Lieder werden ebenso komponiert wie Bilder. Wer eine musikalische Ader hat, mag sich von den Bildern zur Schaffung von Klangwerken inspirieren lassen. Die Bilder sind einsehbar auf egle-art.de.

 

Foto: Lutz Meyer

Lutz Meyer ist Texter und Autor. Schwerpunktthemen sind Gesundheit, Bauen und Philosophie.