Zu meinem letzten Beitrag bekam ich was zu hören bzw. zu lesen…

Satzzeichen machen den Ton. Bei zwei, drei oder gar elf Ausrufezeichen besteht kein Zweifel, hier meint es jemand sehr, sehr ernst. Er schreit förmlich nach Aufmerksamkeit. Umgesetzt auf gesprochene Sprache bedeutet es, jemand betont nicht nur seine Aussage, sondern steht mit einem Megaphon auf dem Sportplatz und lässt seine Ansage durch die Anlage schallen. Ähnliches gilt für Großbuchstaben. Auch hier heischt der Schreiberling offenbar um eine Aufmerksamkeit, die er seiner Meinung nach über die Wahl seiner Worte nicht erreicht. Oder sie. Heutzutage muss frau ja ans Gendern denken.
Wie auch immer. Mich macht dieser inflationäre Gebrauch von Ausrufezeichen oder Fragezeichen ganz wuschig. Er korrigiert keine falsche Grammatik und macht eine schlechte Formulierung nicht treffender. Statt seine Zeit mit dem sinnlosen Setzen des zweiten, dritten oder vierten Ausrufezeichens zu vergeuden, empfiehlt sich stattdessen ein zweites, drittes oder viertes Nachdenken über das Geschriebene.
Eine Stilblüte, die ihres Gleichen sucht, ist „Ausscheidungen vom Vierbeiner müssen durch den Besitzer bereinigt werden“. Der mehrfach ausgedruckte Zettel hing an allen Ausgängen eines Häuserblocks. Da unter einem ähnlich formulierten Schild eine Unterschrift prangte, handelte es sich offenbar um die Anweisungen eines sehr aufgebrachten Hausmeisters. Bevor nun Einwände kommen, dass der gute Mann möglicherweise unter eine Rechtschreibschwäche leiden könnte – dann hätte er sich helfen lassen können. Entweder von einem Menschen oder mittlerweile von der KI.
Ich frage mich, wie es sich in einem Haus lebt, in dem es von schreienden Aushängen nur so wimmelt. Eigentlich kann man das nur mit Humor nehmen – und sich dem Hausmeister als Oskar vorstellen. Allerdings ist es fraglich, ob dieser bei seinen Zetteln Humor versteht. Des Nachts alle Anweisungen abzuhängen, ist aber auch keine Alternative. Vermutlich existieren noch Reservestapel, die nur auf ihren Einsatz an den Mülltonnen und im Hausflur warten. Vielleicht sollte ich in der nächsten Nacht, in der Regenwolken den Mond verdunkeln, gelbe Klebezettel mit einer Warnung des Journalisten und Sprachkritikers Wolf Schneider daneben heften:
„Vorsicht vor dem Ausrufezeichen, das den eigenen Worten einen Tusch hinterschickt.“
Fotos: Nicole Hein