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Blick aufs Meer hinaus

Der Blick aufs Meer hinaus geht zugleich weit zurück in die Vergangenheit. Was mögen Menschen vor Jahrtausenden gedacht haben, wenn sie am Ufer standen und aufs Meer hinausblickten?

Frühe Ufergedanken

Am Ende der letzten Eiszeit wanderten die Menschen nordwärts. Sie folgten dem Wild, querten dabei weite Ebenen, Berge, Flüsse. Und dann standen sie plötzlich am Ufer eines Meeres. Was mögen sie gedacht haben?

Da der Mensch sich immer in einem Überlebenskampf befindet, werden die ersten Gedanken nicht gewesen sein: „Oh, wie schön“ oder „Ich spüre die Anwandlung von etwas Ewigem in mir“.

Der erste Gedanke wird eher gewesen sein: „Kann dieses weite Wasser etwas zu meinem Überleben beitragen? Sind diese Muscheln und Schnecken hier am Strand essbar?“  Vielleicht auch: „Ist da ganz hinten in weiter Ferne womöglich wieder festes Land, auf dem ich jagen könnte? Wie gelange ich dort hin?“  Es waren Gedanken, die sich auf Eroberung und Zweckmäßiges richteten. Rationale Überlegungen. Dann baute vielleicht jemand ein erstes Boot oder Floß und fuhr hinaus. Diejenigen, die am Ufer zurückblieben, warteten voller Bangen auf seine Rückkehr. Oft wohl hielten sie vergebens Ausschau.

Späte Ufergedanken

Erst später, als das Meer in seiner Weite und Tiefe vermessen war, als andere Länder jenseits des Meeres entdeckt waren und man über das Meer hinweg Handel trieb, als alles Leben im Meer katalogisiert war, als man begann, das Meer im großen Stile auszubeuten, erst dann kamen romantische Gedanken auf. Das Meer wurde zum Sinnbild, regte Gefühle an und Gedanken. Und noch viel später wurde das Meer zum Erlebnisraum. Man verlor seine Ängste und ging baden, schwimmen, schnorcheln, tauchen.

Ein einziger Blick aufs Meer hinaus zeigt uns unsere Geschichte.

Foto: Lutz Meyer

Lutz Meyer ist Philosoph und Autor. Sein wichtigstes Thema: die Lebenskunst. Mehr hierzu auf besser-mit-kunst.de Auch interessant: wort-und-bogen-de