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Vorbemerkung: Dieser Text von mir erschien im Original in der Sezession 76 von Februar 2017, nachfolgend eine geringfügig veränderte Fassung. Das Thema ist zu wichtig, um in Vergessenheit zu geraten: Ein realistischer Blick auf einige Grundtatsachen des Lebens. Dieser Beitrag ist etwas länger als sonst hier üblich. Lesedauer 5 bis 7 Minuten.

Jean-Jacques Rousseau war gewiss nicht der erste Mensch, der den Traum vom gewaltfreien Leben träumte. Doch er träumte ihn auf besondere Weise: als Kritik am Zivilisationsprozess. Und er träumte ihn im weltgeschichtlich passenden Augenblick. So kam es, daß der Traum vom gewaltfreien, harmonischen Miteinander in Rousseauscher Prägung eine besondere Wirkmächtigkeit entfalten konnte.

Der edle Wilde

Hauptcharakter dieses Traums ist der edle Wilde als der unverdorbene Naturmensch. Unberührt von den Zwängen der Zivilisation lebt er in friedlicher Harmonie und Koexistenz. Dieser Mensch im Naturzustand liebt sich selbst (amour de soi), kann Wesen der gleichen Art nicht leiden sehen und stellt deshalb für sie keine Bedrohung dar (pitié) und zeichnet sich durch die Fähigkeit aus, sich selbst zu vervollkommnen (perfectibilité). Erst im Zuge des Zivilisationsprozesses, der durch Bevölkerungswachstum und nachfolgende Ressourcenknappheit angetrieben wird, wandelt sich das Bild: Selbstliebe wird zur Selbstsucht, es kommt zur Entfremdung. Von Natur aus, so Rousseau, sei der Mensch gut. Wirklich? Hätte man es nicht schon damals besser wissen können? Die zeitgleich stattfindende amerikanische Westkolonisation zeigte immerhin deutlich, daß keiner der in den amerikanischen Weiten angetroffenen Indianerstämme von Natur aus friedlich lebte – Gewalt war immer dabei und zwar nicht nur als rein reaktive Gewalt. Der Versuch, Rousseaus Traum im politischen Traum von Liberté, Egalité und Fraternité konkret auszugestalten, mündete bekanntlich in die Blutorgie der französischen Revolution.

Paul Gauguin träumte den Traum vom edlen Wilden und dem von Natur aus guten Menschen nicht als politischen, sondern als Künstlertraum. 1890 schrieb er an einen dänischen Malerkollegen, daß die Bewohner jenes kleinen unbeachteten Paradieses in Ozeanien, das ihm zur neuen Heimat geworden war, vom Leben nichts kennen würden als seine Süße. Für sie heiße Leben Singen und Lieben. Gauguin sah, was er als von Geldnöten geplagter Künstler sehen wollte: ein exotisches Paradies, in dem man ohne einer bürgerlichen Erwerbstätigkeit nachgehen zu müssen, ein glückliches und ursprüngliches Leben führen konnte. Gauguin träumte damit nicht nur den Traum eines jeden von Existenzsorgen verfolgten Künstlers, sondern den Traum vieler Intellektueller späterer Zeiten.

Im Paradies

Als die junge Ethnologin Margaret Mead 1925 nach Samoa reiste, war sie weder der Sprache der Ureinwohner mächtig noch auf andere Weise sonderlich gut vorbereitet. Sie entstammte einer liberalen Familie aus Philadelphia/Pennsylvania und glaubte wie viele Menschen ihrer Zeit voller Optimismus an das Gute im Menschen. Als Schülerin des Anthropologen Franz Boas war sie wie dieser darüber hinaus überzeugt, dass jede Kultur nur aus sich selbst heraus zu verstehen sei, ihre eigene Geschichte und Entwicklung habe – weshalb man auch nicht versuchen solle, ein allgemeines Gesetz aufzustellen, nach dem Kulturen sich entfalten. Dass freilich schon die Grundannahme eines von Natur aus guten und zum gewaltfreien Miteinander neigenden Menschen von Voreingenommenheit und Realitätsblindheit zeugte, zogen weder Margaret Mead noch ihr akademischer Lehrer jemals in Betracht. So durfte es auch nicht verwundern, daß Margaret Mead bei ihren Forschungen auf Samoa einen fast paradiesisch und traumhaft anmutenden Gegenentwurf zur lustfeindlichen und gewalttätigen westlichen Zivilisation anzutreffen glaubte. Margaret Mead berichtete verzückt von einer frei und ohne Zwänge heranwachsenden Jugend, schilderte die liebevolle Nachsicht bei der Erziehung des Nachwuchses, schwärmte von der Libertinage, die es der Jugend gestattete, gleichsam spielerisch und ohne verklemmte Moralvorstellungen sexuelle Erfahrungen zu sammeln. So konnten die westlichen Neurosen sich gar nicht erst entwickeln – man blieb ein Leben lang sanft gestimmt, locker und frei von Eifersucht, Rivalität, Ehrgeiz, Gewalt. Sie habe weder Mord noch Selbstmorde noch Notzucht beobachten können, schrieb sie. Der Westen war begeistert – der Traum Rousseaus vom edlen Wilden, das Gauguinsche Südseeidyll stand in schönster Blüte und zog die Menschen magisch an: Seht, so sagte man, ein solches Leben ist möglich, wenn man sich nur von den Zwängen der Zivilisation befreit. Ganz ähnliche Träume träumten zuvor schon im wilhelminischen Zeitalter und nach dem ersten Weltkrieg die ersten deutschen Lebensreformer, Rohköstler und Nacktturner, freilich stark beargwöhnt von der Obrigkeit.

Der Aufprall

Doch wehe den Träumen, wenn sie mit der Realität konfrontiert werden. Im Fall der Träume der Margaret Mead sorgte für den harten Aufprall ein Berufskollege, der wenige Jahre nach Margaret Meads Samoa-Aufenthalt deren Forschungen überprüfen wollte – in durchaus wohlwollender Absicht zunächst. Dieser Kollege, sein Name war Derek Freeman, war anders als seine Vorgängerin der Eingeborenensprache mächtig und sah genauer hin und deshalb eine ganz andere Realität. Er konstatierte – nach der bald eintretenden Ernüchterung ob der düsteren Faktenlage – im Paradies eine in Relation zur Einwohnerzahl deutlich höhere Zahl an Morden, Selbsttötungen und Vergewaltigungen als selbst in den USA und nahm eine ganze Vielfalt psychischer Störungen wahr. Hinsichtlich des Lobes der gewaltfreien und toleranten Eingeborenpädagogik gab es ebenfalls Korrekturbedarf – die war nämlich weder sanft noch liebevoll, sondern geradezu von drakonischer Strenge. Und was gar die angebliche Libertinage anging – kein erzkatholischer Alpenbauer, kein verklemmter holländischer Calvinist und auch kein reaktionärer Ostküstenpuritaner hätte eifersüchtiger über die Jungfräulichkeit der Töchter wachen können als ein Samoaner. Wohl aus Gründen des Respekts vor der älteren und berühmten Kollegin hat Derek Freeman seine Forschungsergebnisse erst 1982 und damit vier Jahre nach deren Tod publiziert. Bis dahin galten Margaret Meads Forschungen als wegweisend und hatten starken Einfluss nicht zuletzt auch außerhalb der wissenschaftlichen Sphäre. Margaret Mead wurde vor allem in 60ern und 70ern des 20. Jahrhunderts gern als Kronzeugin aufgerufen, wann und wo immer es um die Behauptung der Realisierbarkeit sanfter, friedfertiger und toleranter Gesellschaften ging. Doch um die Sache hieb- und stichfest zu machen, galt es bald, auch die nächsten Verwandten des Menschen im Tierreich in die Träumereien vom gewaltfreien Leben einzubeziehen.

Kannibalismus unter Schimpansen

1960 begann die britische Verhaltensforscherin Jane Goodall das Verhalten von freilebenden Schimpansen zu beobachten. Ähnlich wie Margaret Mead in Bezug auf die Samoaner sah sie in den Menschenaffen zunächst das Musterbeispiel friedliebender und solidarischer Wesen voller Intelligenz, Mutterliebe und Fürsorglichkeit. Später musste sie freilich einräumen, daß Schimpansen zu äußerster Gewalt fähig sind, zu Kannibalismus neigten und mehrjährige Vernichtungskriege mit anderen Horden zu führen im Stande waren – wann immer die Männchen der einen Horde ein Tier der anderen Horde erwischten, töteten sie es. Mehr noch – Jane Goodall zeigte sich schockiert darüber, daß die jungen Männchen, die dabei zusahen, fasziniert von den Mordtaten waren und zusehen wollten, wenn ein Tier der anderen Horde starb. Später bekannte sie in einem Interview, dass es „furchtbar war zu sehen, wie ähnlich sie uns sind“.

Immerhin fand sie Trost darin, dass die Schimpansen, anders als die Menschen, nicht dazu neigten, einander komplett auszurotten. Nachdem die Schimpansen sich als notorische Gewalttäter erwiesen hatten, begaben sich Verhaltensbiologen auf die Suche nach anderen Vorbildern im Reich der Tiere und glaubten alsbald, bei den Bonobos fündig geworden zu sein. Zeitweise galten diese Zwergschimpansen gar als eine Art Hippies unter den Menschenaffen – Weibchen hatten das Sagen, Aggressionen kamen kaum vor, Konflikte löste man durch Sex – „Make love, not war“ schien der passende Wahlspruch dieser liebenswerten Wesen zu sein. Doch alsbald erwies sich, dass auch diese Tiere andere Primaten fraßen – nachdem man in ihren Fäkalien deren Finger entdeckt hatte, begann man auch dort genauer hinzuschauen und entdeckte, dass Bonobos regelrecht Jagd auf andere Primatenarten machten. Anders war hier nur, dass es unter weiblicher Beteiligung und Führung geschah – somit war zugleich der Mythos von der besonderen Friedfertigkeit alles Weiblichen erledigt. Sowohl im Fall von Jane Goodall als auch bei Margaret Mead wäre es freilich grundverkehrt, eine böse Absicht oder eine Fälschungsabsicht zu unterstellen. Beide sahen nur das, was sie sehen wollten – und als Kinder des Zeitgeistes vielleicht sogar sehen mussten. Tragisch nur, daß sie zahlreiche Zeitgenossen mit ihren Träumen infizierten. Ja, Träume können durchaus ansteckend sein.

Hippie-Träume

Anstecken von diesen Träumen ließen sich die Hippies. Kennzeichnend für deren Aussteigertum war die Sehnsucht nach einer Welt der universalen Harmonie, nach einer sinnerfüllten Welt, nach einer Welt jenseits von Konsumterror, Fremdbestimmung und Arbeitsfron. Man war auf der Suche nach sich selbst. Freie Liebe, die psychedelische Musik von Country Joe and the Fish, Jefferson Airplane und The Grateful Dead, fernöstliche Spiritualität, mystische Naturerfahrung, selbstgezogenes Biogemüse und allerlei Drogenexperimente waren die Vehikel, um dorthin zu gelangen. Man lebte ein umfassendes Konzept der Gewaltlosigkeit, das sich nicht auf die Abschaffung zwischenmenschlicher Gewalt beschränkte. Mitgemeint war die Gewaltlosigkeit auch gegenüber der Natur und allem, was lebt – ein Gauguinsches Südseeidyll übertragen auf Kalifornien und Berlin-Kreuzberg, ein marihuanageschwängertes Meadsches Klein-Samoa in den Altbauvierteln und Vororten der westlichen Hemisphäre. Der Garten, die Haus- und Nutztiere und selbst die Kinder wurden oft weitgehend sich selbst überlassen – eine Absage an all jene, die in Zucht und Ordnung notwendige Grundlagen einer anständigen Lebensführung sahen. Doch auch über diese beschauliche Szenerie der Gewaltfreiheit brach die Realität bald grausam herein. Als Sinnbild dieses Einbruchs können wir Charles Manson sehen, den Anführer der Manson Family – einer kleinen Hippie-Kommune, die unter Drogeneinfluss 1969 die hochschwangere Schauspielerin Sharon Tate (verheiratet mit dem Filmregisseur Roman Polanski) und sechs weitere Menschen abschlachtete.

Freilich war dies nicht der einzige Punkt, an dem Traum und Wirklichkeit der Hippies auseinanderklafften – auch Mahatma Gandhi, eines der globalen Idole der Gewaltfreiheit, indischer Nationalheld und Anführer des gewaltlosen Widerstands gegen die britische Kolonialherrschaft, erwies sich bei näherem Hinsehen als gar nicht so gewaltfrei. Gandhi machte nie einen Hehl daraus, daß er Gewalt als legitim betrachtete und der Feigheit allemal vorzog. So bezeichnete er jemanden, der weder sich noch seine Familie mit Gewalt verteidigen konnte oder wollte, als „feige“ und „Wurm“. Da war es nur folgerichtig, wenn Gandhi ein Training an den Waffen befürwortete: „Lieber greift Indien zu den Waffen, um die eigene Ehre zu verteidigen, als feige ein Opfer der Unehre zu werden.“ Daß Gandhi dann letztlich doch dem gewaltfreien Widerstand den Vorzug gab, war politisch-militärisches Kalkül, denn ein bewaffneter Aufstand gegen die militärisch weit überlegenen Briten hätte zwangsläufig zu einer Niederlage geführt. Gewaltfreiheit als Mittel ordnet sich hier also klar dem Primat der Gewalt unter – auch eine Art, die Tatsachen des Lebens zu würdigen.

Wie das Hippie-Ideal vom Leben in Gewaltfreiheit erbarmungslos an den Tatsachen des Lebens zerschellt, beschreibt der amerikanische Romanautor T.C. Boyle in seinem 2003 veröffentlichten Roman „Drop City“. Hier wird authentisch und hautnah geschildert, wie eine Hippie-Kommune von der amerikanischen Westküste nach Alaska übersiedelt und dabei nach und nach nicht nur an inneren Widersprüchen zerbricht (eine Gruppe schwarzer Drogendealer, die sich der Kommune mehr oder weniger aufgedrängt hat, wird zum Spaltpilz), sondern auch an den harten Lebensbedingungen in der Wildnis Alaskas. War das Leben zu Anfang noch eine einzige ausgelassene Party – allenfalls durch Probleme der Versorgung mit Lebensmitteln und der Entsorgung der Fäkalien beeinträchtigt –, führen verschiedene Konflikte der Gruppenmitglieder untereinander und später dann auch mit ortsansässigen Rauhbeinen in der Szenerie Alaskas zur beschleunigten Zersetzung der Ideale und zur Auflösung der Gruppe.

Doch nach den Hippies kamen die Späthippies der 90er Jahre: Längst entwurzelt und desillusioniert, trachtete man nur noch danach, an fernen exotischen Stränden wenigstens sein privates Klein-Samoa zu finden, sein Südseeidyll in unberührter Natur, mit freiem Sex, freiem Drogenkonsum und in Harmonie mit den Einheimischen. Alex Garland hat in seinem 1996 erschienenen Roman „Der Strand“ (im Jahr 2000 verfilmt mit Leonardo DiCaprio) das Scheitern auch dieses späten Ausläufers des großen Traums vom gewaltfreien Leben geschildert. Dieses letzte Inselidyll einer kleinen, im Verborgenen existierenden Kommune später Hippies unter weiblicher Führung zerbricht sowohl am Egoismus einzelner Kommunenmitglieder wie auch hier wiederum an der Natur: ein Hai bricht als Sinnbild harter Realität in die Lagune ein. Nachdem es am Ende auch noch zum bewaffneten Konflikt mit einheimischen Drogenfarmern kommt, zerfällt alles rasendschnell. Ein anderer großer Inselroman hatte dieses Ende in bedrückender Eindringlichkeit vorgezeichnet: In William Goldings „Herr der Fliegen“ (erschienen 1954) erleben wir mit, wie eine Schar von Kindern, auf einer einsamen Insel ausgesetzt und quasi in den Naturzustand zurückversetzt, sich – wie die Eisenspäne im Magnetexperiment – neu ordnend zunächst in verfeindete Lager aufteilt und sich dann in einem blutigen Krieg niedermetzelt. Wenn schon Kinder von Natur aus zu solchen exzessiven Gewalttaten neigen – wie sollen es dann erst die Erwachsenen schaffen, friedfertig miteinander zu leben?

Linke Pädagogik und die Grünen

Dieses friedliche Leben im großen Miteinander aber war der Traum linker Pädagogik, der westdeutschen Friedensbewegung und einer der Gründungsträume der Bewegung und späteren Partei der Grünen. Linke Pädagogik in Westdeutschland versuchte den Traum vom gewaltfreien Leben in Kitas und Klassenzimmern zu verbreiten. Verquickt mit feministischen Zielen galt es, jeder Art von Gewalt – die per se als männliche Gewalt galt – eine Absage zu erteilen. Da Gewalt streng genommen bereits dort anfängt, wo man Kindern Weisungen erteilt oder ihnen gegenüber Verbote ausspricht, erschöpfte linke Pädagogik sich in weiten Teilen bald darin, den Nachwuchs sich selbst zu überlassen. Inhaltlich beschränkte man sich auf die Ausrufung sexueller Selbstbestimmung, die Einübung eines aggressionsfreien Verhaltens gegenüber seinen Mitmenschen, kritischer Distanz gegenüber der eigenen Geschichte und Herkunft und der Verpflichtung auf vorbehaltlose Sympathie für die Ausgebeuteten der Dritten Welt. Am Ende einer solchen Erziehung standen dann junge Erwachsene, die – hin- und hergerissen zwischen Selbsthass und Fernstenliebe, zwischen Libertinage und absoluter Beliebigkeit des eigenen Tuns – den täglichen Anforderungen des realen Lebens nichts entgegenzusetzen hatten: keine Haltung, kein Wissen, keine Verantwortungsbereitschaft, keine Wurzeln. Gewaltfreiheit schwebte als vages Ideal über alledem – gelegentlich gelockert durch allfällige Sympathiebekundungen für linke Gewaltaktionen gegen den Staat und seine Repräsentanten.

Doch auch in der westdeutschen Friedensbewegung und bei den Grünen gab es deutliche Widersprüche. Während man bei der Friedensbewegung von Beginn an eine Dominanz der DKP und damit der Sympathisanten Ost-Berlins und Moskaus sah und das Postulat der Gewaltlosigkeit leicht durch einen Verweis auf den bis an die Zähne bewaffneten benachbarten ostdeutschen Mauernstaat in Zweifel gezogen werden konnte, war die Sache bei den Grünen verzwickter. Hier dauerte es bis 1999 und bis zum von der rotgrünen Bundesregierung ermöglichten Eintritt Deutschlands in den Kosovo-Krieg (der erste bewaffnete Auslandsseinsatz der Bundeswehr überhaupt), um den grünen Pazifismus im hohen Bogen über Bord zu werfen. Aus dem „Nie wieder Krieg!“ der Friedensbewegung wurde das zynische „Nie wieder Krieg ohne unsere Zustimmung!“ der Grünen. Ludger Vollmer, seinerzeit grüner Staatsminister im Auswärtigen Amt und früherer friedenspolitischer Sprecher der Grünen, zog 2002 den Pazifismus radikal in Zweifel, weil der keine Antworten auf heutige Bedrohungen biete. Dementsprechend hätten es die Grünen einige Jahre später auch gern gesehen, wenn Deutschland 2011 an der Seite der USA, Großbritanniens und Frankreichs in den Krieg gegen Libyen gezogen wären, doch waren sie damals bekanntlich wieder in der Opposition. Sollte man diesen grünen Wandel als Einsicht in die Tatsachen des Lebens begrüßen?

Skepsis ist angebracht. Denn nicht die Stellung zu den Tatsachen des Lebens hat sich bei den Grünen geändert, nur ihre Träume sind jetzt andere. Sie träumen heute unverhohlen den Traum von machtpolitisch und moralisch gerechtfertiger Gewalt gegenüber dem Gegner. So wiederholt sich der Übergang vom Traum der Friedfertigen zum Alptraum blutiger Raserei der Tyrannen, wie er sich schon bei Rousseau und der ihm nachfolgenden französischen Revolution ereignet hat. Träume vom gewaltfreien Leben können mörderisch enden.

Hören wir also auf, den Traum von der Gewaltlosigkeit zu träumen. Wenden wir uns den Tatsachen des Lebens zu. Vielleicht wird es dann endlich friedlicher zugehen auf Erden.

 

Artwork:

Lutz Meyer

 

Ein paar Originalzitate aus hoffnungsvollen Zeiten:

I have a dream that one day every valley shall be exalted, and every hill and mountain shall be made low, the rough places will be made plain, and the crooked places will be made straight; „and the glory of the Lord shall be revealed and all flesh shall see it together.“

Martin Luther King Jr. am 28. August 1963, Lincoln Memorial, Washington D.C

Imagine there’s no countries
It isn’t hard to do
Nothing to kill or die for
And no religion, too
Imagine all the people
Living life in peace

John Lennon

Today may seem hopeless filled with war and fear
But we can change the darkness if we but persevere
And if we seize this moment and cling to our belief
Then I know that we can live in peace
This world is such a wonder filled with so much life
The land the air the ocean could be paradise
And if we open up our hearts the truth is plain to see
That we can all live together in peace
Care for all the animals they need our help
Care for all the children stop thinking of ourselves
And if we work together to try for harmony
Someday we will live in peace

Country Joe Mc Donald

 

Leseempfehlungen:

Derek Freeman: Liebe ohne Aggression. Meads Legende von der Friedfertigkeit der Naturvölker, München 1983

Diethart Kerbs/Jürgen Reulecke (HG): Handbuch der Deutschen Reformbewegungen 1880 – 1933, Wuppertal 1998

T.C. Boyle: Drop City, München Wien 2003

Alex Garland: Der Strand, München 1996

William Golding: Der Herr der Fliegen, Frankfurt am Main 1974

Wolfgang Brezinka: Die Pädagogik der Neuen Linken, München Basel 1980

Ludger Vollmer: Was bleibt vom Pazifismus auf www.ag-friedensforschung.de/themen/Pazifismus/volmer.html

 

 

 

 

 

 

Lutz Meyer ist Philosoph und Autor. Sein wichtigstes Thema: die Lebenskunst. Mehr hierzu auf besser-mit-kunst.de Auch interessant: wort-und-bogen-de