Carl Gustav Jung sondierte mit dem kollektiven Unbewussten eine Tiefenschicht der Seele,…

Ich bin an der steinreichen Ostseeküste aufgewachsen, Steine begleiten mich seit meiner Kindheit durchs Leben, erfreuen mich, geben Anlass zum Nachdenken. Deshalb mag ich Steine. Jeder Stein erzählt eine Geschichte, nämlich die seines Werdens. Steine können auch Geschichte schreiben: Die Geschichte von Kulturen. Sobald Menschen beginnen, mit Steinen zu arbeiten, aus Steinen ihre Welt zu formen, wird der Stein zum Kulturträger. Doch nicht immer entsteht Kultur, wenn ein Mensch sich eines Steines bemächtigt. Manchmal formt sich auch etwas, was auf den ersten Blick nach Kultur aussieht, es aber bei näherem Hinsehen nicht ist.
Am Eingang zu Münsters Rieselfeldern stehen zwei brutal zugerichtete Granitfindlinge, wahre Monstrositäten, einer ebenerdig platziert, der andere auf einem Stahlgestell aufgebockt, jeweils mit einem riesigen Bohrloch versehen. Ich weiß nicht, ob das wirklich ein Kunstwerk sein soll. Ich weiß auch nicht, wer das gemacht hat. Es interessiert mich auch nicht. Mir blutet aber das Herz, wenn ich so etwas sehe.
Respektloser Umgang mit Naturmonumenten
Diese Steine dürften ein Alter zwischen 1 und 2 Milliarden Jahren haben. Vermutlich stammen sie aus dem skandinavischen Raum und sind mit den südwärts wandernden Gletschern des Eiszeitalters nach Mitteleuropa gelangt. Dort ruhten sie weitere Jahrtausende, bis sie zum Opfer einer uninspirierten menschlichen Gewaltattacke wurden.
Ich habe mir diese Dinger öfter angesehen, sie von allen Seiten betrachtet. Stehen sie einfach nur so da oder wollen sie etwas zum Ausdruck bringen? Wenn ja: Was? Was soll die Aussage sein? Durchblick? Einfallsloser geht es kaum.
Natürlich wurden große Steine schon immer vom Menschen verwendet: Für die gewaltigen Menhire, Dolmen und Megalithgräber der Jungsteinzeit etwa, für Kirchen, Gebäude und Bauwerke jeder Art. Und mitunter eben auch für ein Kunstwerk. Das ist in Ordnung. Was mich stört, ist nicht die Verwendung des Steines, sondern die offensichtliche Geistlosigkeit der Verwendung.
Gut, man weiß, dass Kunstwerke unterschiedliche Reaktionen hervorrufen können, zustimmende, gleichgültige oder eben ablehnende. Aber hier stimmt auch formal nichts. Platzierung, Proportion und Richtung der Bohrungen sind ebenso misslungen wie der Gesamtaufbau. Wollte man diesen Findlingen ihre Würde zurückgeben, sollte man sie lieber komplett zerstören und die Bruchstücke als Baumaterial verwenden.
Vor 8 Jahren hatte ich schon mal einen ähnlichen Fall, als ein japanischer Kunst-Professor so einem Findling mit schwerem Gerät zu Leibe gerückt war und dabei Spuren einer jungsteinzeitlichen Bearbeitung zerstört hatte. Aber verglichen mit dem Rieselfelder-Doppelmonstrum war jene Steinkunst immerhin noch um Ästhetik bemüht gewesen.
Foto: Lutz Meyer