Carl Gustav Jung sondierte mit dem kollektiven Unbewussten eine Tiefenschicht der Seele,…

Lustig, wie viele Autoren, Coaches, Berater, Therapeuten usw. heute mit Archetypen arbeiten und sich dabei auf C.G. .Jung berufen. Der war bei seinen Untersuchungen des kollektiven Unbewussten auf diese psychischen Grundstrukturen und Urbilder gestoßen. Als universelle Prägungen sind sie von Geburt an im Menschen präsent und zeigen sich in Träumen, Märchen, Symbolen, Mythen und in der Kunst. Jung legte keine bestimmte Zahl von Archetypen fest. Die wichtigsten sind Persona, Schatten, Anima und Animus sowie das Selbst.
Kurz zu den ursprünglichen Archetypen
Persona ist die Maske, die wir anderen zeigen. Wir tragen die Maske überall, wo wir in der Öffentlichkeit mit anderen Menschen zu tun haben. Die Maske verbirgt mehr als sie zeigt, verrät aber auch viel über uns. Mitunter mehr, als uns lieb ist.
Der Schatten ist der Inbegriff unserer dunklen Seite: Triebe, Ängste, Schwächen, Verdrängtes, Unerwünschtes. Aber der Schatten ist wichtig, weil aus ihm heraus sich große Dinge entwickeln können. Wahrscheinlich wäre die Kunst ohne das Schattenreich kaum denkbar.
Anima und Animus sind unbewusste Geschlechteranteile: Die weibliche Anima ist im Mann präsent, das männliche Gegenstück Animus in der Frau. Je nachdem, wie der Geschlechteranteil sich zeigt, wählen wir unsere Partner, leben wir unsere Beziehungen.
Das Selbst steuert den Reifeprozess eines Menschen, vereint das Unbewusste mit dem Bewussten, steuert die Individuation und formt das Individuum. Da wird die Persönlichkeit hinter der Persona sichtbar.
Zusätzlich gibt es archetypische Figuren bzw. Motive wie den Helden, den alten Weisen, die große Mutter, den Trickster und den Rebellen. Der Held trachtet danach das Böse zu besiegen, hier ist Mut erforderlich. Wissen, Einsicht, geistige Reife findet sich in der Figur des alten Weisen. Die große Mutter ist der Urgrund des Lebens, ist Wachstum, Natur, Fruchtbarkeit und Geborgenheit; zugleich ist sie das Verschlingende, in dem alles jemals Gewordene sich wieder auflöst.
Der Trickster ist der spielerische Regelbrecher und lustvolle Chaosstifter, der mit seinem Handeln etwas aufzeigt, was sonst verborgen geblieben wäre. List, Täuschung, Humor, Ironie und Streiche kennzeichnen sein Handeln. Demgegenüber verfolgt der Rebell das Ziel eines konkreten Wandels, einer neuen Ordnung, dabei geht er methodisch zu Werke. Der Trickster bricht Regeln achtlos, der Rebell geplant. Chaotische Zerstörung versus planvolle Zerstörung.
Die Bedeutung der Archetypen liegt darin, die Ganzwerdung, Heilung, Reifung der menschlichen Seele zu ermöglichen. Es handelt sich um mächtige Urkräfte, die unser Handeln, Fühlen und Denken steuern und so unser Schicksal lenken. Kennt man seine Archetypen nicht, wird man von ihnen beherrscht. Kennt man sie, kann man die Reifung der eigenen Persönlichkeit bewusst steuern. Daher ist es wichtig, sich diese Grundmuster bewusst zu machen.
Vom Archetypus zum niedlichen Puppenset für Coaching und Beratung
Nun zum Tarot. Ich hatte bislang wenig damit zu tun, aber kürzlich fiel mir so ein buntes Kartenset in die Hände. Mir fiel eine gewisse Ähnlichkeit mancher Tarotkarten-Motive mit Jungs Archetypen auf. Der Narr ist, wenngleich auf sehr oberflächliche Art, mit dem Trickster verwandt.
Tarot ist Unterhaltung, ein Spiel, Medium der Wahrsagerei, Tarot wird für die spirituelle Selbsterkenntnis eingesetzt. Anders als Jungs Archetypen können die Tarotmotive von Tag zu Tag variieren. Sie gleichen darin ein wenig den Horoskopen. Die sind wie auch Tarotmotive gröber, holzschnittartiger aber auch griffiger und eingängiger als die Archetypen. Beide fördern nicht so sehr die individuelle Selbsterkenntnis als vielmehr das Schubladendenken: Ah, der Narr. Ist klar. Ach, ein Stier. Dachte ich mir.
Und genau dieses Schubladendenken trifft man bei zahlreichen Jung-Epigonen an. Pars pro toto sei Carol S. Pearsons genannt, deren Buch „Die 12 seelischen Archetypen“ (Erstveröffentlichung in den USA 1991) eine ganze Lawine von Archetypen-Konzepten in der Therapie, in Marketingberatung, Werbung, Coaching und in verwandten Bereichen auslöste. Es folgten Varianten mit beliebig vielen und neu erfundenen Archetypen. Anders als bei Jungs Archetypen haben wir es mit einem ganzen Puppenset zu tun, situationsgerecht geschnitzten und ausstaffierten Figuren.
Pearsons benennt etwa den Unschuldigen, den Liebenden, den Gebenden, den Magier, den Suchenden, den Krieger. Alles griffig, alles platt. Und alles wunderbar geeignet, um etwa den Teilnehmern eines Seminars zur Persönlichkeitsentwicklung das Gefühl zu geben: Wow, ich bin der Krieger. Oh, ich bin der Gebende. Der Liebende, ach.
Und natürlich können auch Produkte und Zielgruppen Merkmale dieser Figuren annehmen – man arbeitet im Marketing mit idealtypischen Kunden, genannt Personas, Masken also, bzw. Mindsonas – Mindset steht heute im Vordergrund, selbstverständlich KI-generiert und auf mehr oder minder solider Datenbasis. Man behängt diese digitalen Homunkuli mit Eigenschaften, visualisiert damit etwas sonst eher abstrakt Bleibendes. Das ist völlig in Ordnung.
Beruft man sich dabei allerdings explizit auf C.G. Jung, gleicht man dem Gockel auf dem Misthaufen, der sich für den Bezwinger eines Achttausenders hält.
Foto: Lutz Meyer