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Homo homini lupus est

Dass der Mensch des Menschen Wolf sei, ist eine ebenso traurige wie realistische Erkenntnis. Das sogenannte Gute im Menschen ist an Schönwetter-Bedingungen geknüpft. Unter Schlechtwetter-Bedingungen trifft man dieses Gute nur sehr selten an. Aus dieser Erkenntnis heraus begründete Thomas Hobbes bekanntlich die Notwendigkeit eines starken Staates. Dieser soll die mörderischen Urinstinkte des Menschen einfrieden. Was aber, wenn der Staat sich selbst als Ungeheuer erweist?

Nicht umsonst gab Hobbes dem Staat den Namen eines mytholgischen Ungeheuers, Leviathan. Dieser tritt gegen Behemoth an, ein anderes Ungeheuer, dass die unbezähmbare Urgewalt der Schöpfung symbolisiert. Der Staat, der Leviathan, ist nicht abstrakt, er besteht aus Menschen, die in seinem Namen auftreten, die seine Ordnung umsetzen. Aus Menschen, in denen wiederum mörderische Urinstinkte walten. Sämtliche totalitären Systeme sind Staaten, in denen Menschen sich durch besondere Grausamkeiten hervortun. Hannah Arendts „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ (1951, deutsch 1955) hat hierzu Grundlegendes benannt.

Ernüchternde Experimente

Im 20. Jahrhundert wurde mehrere sozialpsychologische Experimente durchgeführt, um die Auswirkungen von Konformitätsdruck und Gruppenzwang auf den Einzelnen sowie dessen Bereitschaft zu untersuchen, jede Menschlichkeit fahren zu lassen.

Im Solomon-Asch-Konformitätsexperiment von 1951 ging es darum, einer von einer Autorität falschen Behauptung ohne Widerspruch zu folgen. Lediglich 25 % blieben in jedem Durchgang standhaft und verweigerten die Zustimmung zu dem, was offenkundig falsch war.

Im Milgram-Experiment von 1961 wurden die Versuchspersonen dazu angehalten, falsche Antworten von Probanden mit (scheinbaren) Elektroschocks, die in der Realität starke bis lebensgefährliche Verletzungen zur Folge gehabt hätten, zu bestrafen. Die Versuchspersonen mussten davon ausgehen, dass die von ihnen verabreichten Elektroschocks real waren, ihre (scheinbaren) Opfer gaben Schmerzenslaute von sich, flehten um Gnade. 62,5 % der Versuchspersonen folgten dem Befehl auch bis zur tödlichen Obergrenze von 450 Volt.

Im Stanford-Prison-Experiment von 1971 wurde eine Gruppe von 24 Studenten in zwei Gruppen aufgeteilt: Eine Gruppe Strafgefangene, eine Gruppe Wärter – letztere mit verspiegelten Sonnenbrillen, Uniformen und Schlagstock ausgestattet. In einer real nachgestalten Gefängnisumwelt übte die Gruppe der Wärter von Anfang an starke Gewalt über die Gefangenen aus, tyrannisierte sie – ohne, dass es ihnen befohlen war. Sie taten es, weil sie es konnten und genossen. Nach 6 Tagen eskalierte das Experiment dermaßen, dass es abgebrochen werden musste.

Die Situation heute

Konformitätsdruck und Gruppenzwänge benötigen, um zu gedeihen, nicht notwendig den klassischen totalitären Staat (Nationalsozialismus, Maoismus, Stalinismus usw.). Sie entfalten sich auch in vermeintlich freiheitlichen Systemen wie dem gegenwärtigen deutschen.

Einen Eindruck davon vermittelten der Umgang mit Impfunwilligen und Maskenverweigerern während der Corona-Zeit, der aktuelle Umgang mit der AfD und ihren Wählern sowie der medial orchestrierte Hass auf alle, die in Russland nicht den totalen und ewigen Feind zu erkennen vermögen. Sie werden ausgegrenzt und teilweise verfolgt, Rechte werden ihnen vorenthalten (hier nachvollziehbar am Beispiel des Schweizers Jacques Baud).

Im deutschen Sprachraum ist das Symbol dafür die sogenannte Nazikeule, die gern und in geradezu ritualisierter Form über den Häuptern von Nonkonformisten und Widerständigen geschwungen wird. Wer hier der eigentliche Nazi ist, dürfte bei unvoreingenommener Betrachtung schnell klar werden.

Es ist noch kein voll ausgebildeter Totalitarismus, aber die Anfänge sind deutlich erkennbar. Und wieder ist es der Staat, der doch das Wölfische im Menschen bezähmen soll, von dem alles Unmenschliche, alle Brutalität ausgeht. Die Tatsache, dass dies als „neues Normal“ gilt und sogar mit dem Gebot der Menschlichkeit begründet wird, ist ebenso zynisch wie höchst bedenklich.

Möge der Anteil derer, die sich widersetzen, weit über jene 25 % hinausgehen.

Foto: Lutz Meyer. Zu sehen ist der Prototyp der Keule. Heute meist durch weniger grobe Formen ersetzt.

Lutz Meyer ist Philosoph und Autor. Sein wichtigstes Thema: die Lebenskunst. Mehr hierzu auf besser-mit-kunst.de Auch interessant: wort-und-bogen-de